Der Landkreis Görlitz bewegt sich im IW-Regionalranking 2026 seit zehn Jahren kaum – mit nur zwei zusätzlichen Plätzen seit 2016 gilt der Kreis als Konstante. Im aktuellen Niveauranking liegt er allerdings auf Rang 351 und damit unter den 50 schwächsten Regionen Deutschlands. Das geht aus den Daten der IW Consult hervor.
Serie: Das IW-Regionalranking 2026 und die Lausitz
Dieser Beitrag ist Teil 13 unserer 14-teiligen Serie, in der Niederlausitz aktuell das IW-Regionalranking 2026 für die Regionen Südbrandenburgs und der sächsischen Lausitz aufschlüsselt. Niederlausitz aktuell hat dafür Sonderauswertungen bei der IW Consult angefordert, mit Mit-Autorin Dr. Vanessa Hünnemeyer Rücksprache zur Methodik gehalten und die Daten mit eigenen Recherchen verknüpft. Bis zum Abschluss der Serie erscheinen neue Teile montags und donnerstags. Alle Teile sind in unserer Übersicht IW-Regionalranking 2026 versammelt.
Konstanz ohne Spitzenwerte
Im Niveauranking 2026 belegt Görlitz Rang 351 von 400 Vergleichsregionen. Im Dynamikranking liegt der Kreis auf Rang 257. Im Zehnjahresvergleich seit 2016 sind es nur zwei Plätze nach oben – damit fällt Görlitz in die IW-Kategorie der Konstanten. Diese Kategorie umfasst nach Definition der IW Consult Regionen mit weniger als 25 Rängen Bewegung in jede Richtung.
Die Konstanz ist nicht zwingend ein schlechtes Zeichen. Eine Region kann sich grundsätzlich gut entwickeln, ohne im Vergleich zu den 399 anderen Vergleichsregionen aufzusteigen. Wenn alle Regionen ähnlich zulegen, bleiben die Plätze unverändert. Für Görlitz heißt das aber auch: Das niedrige Ausgangsniveau aus 2016 wird gehalten, nicht überwunden. Im Sachsen-Vergleich gehört der Kreis zu den 76,9 Prozent Konstanten – jenen Regionen ohne große Bewegung in beide Richtungen.
Schwerer Industrieumbau bei Alstom und Siemens
Der wichtigste industrielle Anker des Kreises, das Görlitzer Alstom-Werk, ist im Erhebungszeitraum des Rankings massiv unter Druck geraten. Im Oktober 2024 gab Alstom bekannt, die Produktion in Görlitz bis März 2026 einzustellen und Rohbauarbeiten nach Osteuropa zu verlagern. Von rund 700 Beschäftigten sollen nach einer Rahmenvereinbarung mit dem Rüstungskonzern KNDS vom Februar 2025 350 bis 400 direkt übernommen werden. KNDS plant in Görlitz die Produktion von Baugruppen für den Kampfpanzer Leopard 2, den Schützenpanzer Puma und den Radpanzer Boxer. Tatsächlich übernommen war Ende 2025 allerdings erst ein Bruchteil: Nach Angaben aus der Region wechselten rund 60 Beschäftigte zu KNDS und etwa 170 zum Schwesterwerk nach Bautzen, für rund 500 blieb die Zukunft zunächst offen. Die Serienproduktion der Panzerwannen soll erst ab 2027 anlaufen, der vollständige Übergang bis 2027 abgeschlossen sein. Im Dezember 2025 lief in Görlitz der letzte Doppelstockwagen vom Band.
Auch der zweite Großarbeitgeber, Siemens, hatte in den vergangenen Jahren mit Stellenabbau zu kämpfen. Nach Berichten der Neuen Zürcher Zeitung folgten den beiden Konzernen nach der Wende kaum weitere bedeutende Unternehmen. Die Stadt Görlitz selbst zählt rund 57.000 Einwohner, der Landkreis insgesamt rund 248.000. Seit Gründung des Landkreises 2008 ist die Bevölkerung nach Bertelsmann-Stiftung um etwa 13 Prozent geschrumpft – das sind über 36.000 Menschen.
Neue Akzente in Forschung und Erneuerbaren
Den industriellen Verlusten stehen neue Ansiedlungen in Forschung und Wissenschaft gegenüber. Das Deutsche Zentrum für Astrophysik (DZA), das Center for Advanced Systems Understanding (CASUS), das Senckenberg Museum für Naturkunde und Fraunhofer-Einrichtungen sind in Görlitz vertreten. Das DZA, seit dem 1. Januar 2026 eine eigenständige Einrichtung, beschäftigte Anfang 2024 rund 100 Menschen und soll im Endausbau auf etwa 1.000 Arbeitsplätze wachsen. Die Energiehochschule Zittau/Görlitz im Süden des Kreises sowie der Tagebau Nochten und das Kraftwerk Boxberg im Norden machen den Kreis nach Selbstdarstellung des Landratsamts zu einem Energieschwerpunkt. Strukturwandel-Mittel sollen die Transformation zu erneuerbaren Energien stützen.
Im IW-Modell wirken sich diese Veränderungen erst zeitversetzt aus. Forschungsansiedlungen schlagen sich vor allem im Indikator wissensintensive Dienstleistungen und im Anteil hochqualifizierter Beschäftigter nieder – beides Indikatoren mit zusammen 11,4 Prozent Gewicht. Die vollen Effekte werden nach Einschätzung der IW Consult erst in den kommenden Erhebungen sichtbar.
So funktioniert das IW-Ranking
Das IW-Regionalranking untersucht, warum manche Regionen erfolgreicher sind als andere. Berücksichtigt werden 14 Kriterien aus den Bereichen Wirtschaft, Arbeitsmarkt und Lebensqualität, die nach einer statistischen Vorab-Analyse Kaufkraft und Arbeitslosigkeit beeinflussen. Die 14 Indikatoren gehen nicht gleichgewichtet in die Berechnung ein. Die Themenbereiche werden unterschiedlich stark berücksichtigt – Lebensqualität mit 49 Prozent, Wirtschaftsstruktur mit 35 Prozent und Arbeitsmarkt mit 16 Prozent.
Indikator im Fokus: Wanderungssaldo 25- bis 30-Jährige
Der Wanderungssaldo der 25- bis 30-Jährigen ist im IW-Regionalranking 2026 mit 7,2 Prozent gewichtet. Er erfasst den Zuzug junger Erwachsener – ein Indikator, in dem der Landkreis Görlitz traditionell schwach liegt. Forschungsansiedlungen wie das DZA sollen perspektivisch akademisch qualifizierte Berufsanfänger anziehen.
FAQ zum IW-Regionalranking 2026
Warum bewegt sich Görlitz im IW-Ranking kaum?
Mehrere Faktoren wirken gegeneinander. Industriearbeitsplätze gingen verloren – Alstom verlagert Rohbauarbeiten nach Osteuropa, die Schwester-Standorte Bautzen und Hennigsdorf übernehmen Teile der Wertschöpfung. Gleichzeitig entstehen neue Forschungseinrichtungen wie DZA und CASUS, deren Effekte aber erst künftig in den Indikatoren ankommen.
Ist Görlitz auf Rang 351 ein Verlierer?
Im Niveauranking ja, im Zehnjahresvergleich nein. Görlitz hat seit 2016 keine 25 Plätze verloren und gilt damit nach IW-Definition als Konstante, nicht als Verlierer. Das niedrige Niveau bleibt aber bestehen.
Was bedeutet die KNDS-Übernahme?
Zugesagt sind 350 bis 400 von rund 700 Stellen des Görlitzer Alstom-Werks. Tatsächlich übernommen waren Ende 2025 aber erst rund 60 Beschäftigte, weitere etwa 170 wechselten nach Bautzen, für rund 500 war die Zukunft noch offen. Der Kreis verliert damit einen Schienenfahrzeug-Standort, gewinnt aber einen Rüstungsstandort. Die langfristigen Effekte auf die IW-Indikatoren sind offen.
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Quelle: Ewald/Hünnemeyer/Kempermann (2026): Zwischen Krisen und Chancen. Ergebnisse des IW-Regionalrankings 2026. IW-Report 23/2026, Köln. Eigene Recherchen Niederlausitz aktuell zu Alstom/KNDS Görlitz und DZA, Stand Ende 2025/Anfang 2026.
Red. / Presseinformation
Foto: Görlitz, Frauenturm; CC BY-SA 3.0




