Cottbus führt im IW-Dynamikranking 2026 das Feld der 400 deutschen Regionen an – im Niveauranking liegt die Stadt aber nur auf Rang 158. Sechs Indikatoren zeigen, wo der Spitzenaufsteiger noch deutlichen Abstand zum bundesweiten Durchschnitt hat. Das geht aus der Sonderauswertung der IW Consult hervor.
Serie: Das IW-Regionalranking 2026 und die Lausitz
Dieser Beitrag ist Teil 5 unserer 14-teiligen Serie, in der Niederlausitz aktuell das IW-Regionalranking 2026 für die Regionen Südbrandenburgs und der sächsischen Lausitz aufschlüsselt. Niederlausitz aktuell hat dafür Sonderauswertungen bei der IW Consult angefordert, mit Mit-Autorin Dr. Vanessa Hünnemeyer Rücksprache zur Methodik gehalten und die Daten mit eigenen Recherchen verknüpft. Bis zum Abschluss der Serie erscheinen neue Teile montags und donnerstags. Alle Teile sind in unserer Übersicht IW-Regionalranking 2026 versammelt.
Rang 1 im Wandel – Rang 158 in der Bestandsaufnahme
Das IW-Regionalranking misst zwei verschiedene Dinge. Das Dynamikranking erfasst, wie stark sich eine Region in den vergangenen zwei Jahren verändert hat. Das Niveauranking zeigt, wo sie aktuell steht. Cottbus erreicht in der Dynamik Rang 1 von 400 – das ist die bundesweite Spitze. Im Niveau liegt die Stadt aber nur auf Rang 158, also im unteren Mittelfeld. Beide Werte gehören zusammen: Cottbus startet seinen Aufstieg von einem vergleichsweise niedrigen Ausgangspunkt aus.
Die Sonderauswertung der IW Consult für Cottbus zeigt detailliert, wo die Aufholjagd noch nicht angekommen ist. Sechs der 14 Indikatoren liegen unter Rang 300 von 400. Bei einem Indikator entwickelt sich Cottbus sogar rückläufig, während der Bundesschnitt nach oben zeigt. Ein Blick auf diese Schwachstellen gehört zum vollständigen Bild – auch wenn der Gesamtbefund eindeutig positiv bleibt. Auch Cottbus‘ Bürgermeisterin Doreen Mohaupt räumt im Video-Interview mit Niederlausitz aktuell ein: „Wir haben noch viele, viele Hausaufgaben vor uns.“ Welche Treiber Cottbus an die Spitze des Dynamikrankings gebracht haben, zeigen wir in drei vorausgegangenen Artikeln: Cottbuser Ostsee als Treiber, LEAG und Bahnwerk treiben die Steuerkraft und Cottbus als Wissensregion.
Straftaten, Bauen, Gründungen: Drei strukturelle Lasten
Beim Indikator Straftaten je 100.000 Einwohner liegt Cottbus mit 9.793 erfassten Fällen weit über dem Bundesdurchschnitt von 5.436. Im Niveauvergleich ist das Rang 374 von 400 – nur 26 Regionen schneiden schlechter ab. Hier ist allerdings einzuordnen, dass Oberzentren mit hoher Pendlerfrequenz und ausgeprägter Tagesbevölkerung in der polizeilichen Kriminalstatistik regelmäßig höhere Werte aufweisen als ländliche Räume. Vergleichsmaßstab des IW sind aber alle 400 Vergleichsregionen, nicht nur Großstädte.
Polizei ordnet die Kriminalität in Cottbus ein
Auf Anfrage von NIEDERLAUSITZ aktuell hat die Polizei die Zahlen eingeordnet. „Cottbus ist die zweitgrößte Stadt Brandenburgs mit einer entsprechenden Anzahl an Menschen und Besuchern, was natürlich auch ein entsprechendes Aufkommen an Strafanzeigen nach sich zieht“, erklärt Sascha Erler, Sprecher der Polizeidirektion Süd. „Tatsächlich liegen alle kreisfreien Städte im Land über dem Landesschnitt. Von der reinen Anzahl der Verfahren lässt sich allerdings nicht ablesen, dass es in Cottbus besonders unsicher wäre.“
Den größten Anteil mache die Alltagskriminalität aus. „Bei Strafverfahren wegen Sachbeschädigung, Fahrrad- oder Ladendiebstählen verzeichnen wir sogar einen Anstieg zum Vorjahr, bei insgesamt sinkenden Kriminalitätszahlen“, so Erler weiter. Während landesweit vor allem die Gesamtzahl der registrierten Straftaten zurückgehe, sinke in Cottbus auch die Zahl der Gewaltdelikte.
Die folgende Übersicht zeigt ausgewählte Fallzahlen für Cottbus im Vergleich (Quelle: Polizeidirektion Süd):
| Delikt | 2024 | 2025 |
|---|---|---|
| Straftaten gesamt | 10.097 | 9.397 |
| Körperverletzung | 1.126 | 1.009 |
| Raub | 129 | 103 |
| Sachbeschädigung | 1.084 | 1.272 |
| Diebstahl gesamt | 3.725 | 3.584 |
| – davon Fahrraddiebstahl | 689 | 825 |
| – davon Ladendiebstahl | 860 | 890 |
Bei den Baugenehmigungen erreicht Cottbus 1,9 neue Wohnungen je 1.000 bestehender Wohnungen – im Bundesschnitt sind es 4,9. Das ist Rang 345 von 400. Beim Gewerbesaldo, also der Differenz aus Gewerbeanmeldungen und -abmeldungen je 1.000 Einwohner, liegt Cottbus bei 0,0 – im Bundesschnitt entstehen 0,9 zusätzliche Betriebe je 1.000 Einwohner. Das ist Rang 344. Damit zeigen sich drei strukturelle Lasten: zu wenig Wohnungsbau, zu wenig Gründungsdynamik, hoher Erfassungswert bei Straftaten.
Eine zweite, unabhängige Datenquelle bestätigt den Wohnungsbau-Befund. Der Grundstücksmarktbericht 2024 des Gutachterausschusses für Grundstückswerte in der Stadt Cottbus dokumentiert für den IW-Vergleichszeitraum einen massiven Einbruch der Baugenehmigungen: 212 Gebäude im Jahr 2021, 167 im Jahr 2022, 147 im Jahr 2023, 104 im Jahr 2024 – fast eine Halbierung in drei Jahren. Besonders dramatisch ist der Rückgang bei Ein- und Zweifamilienhäusern: von 80 Genehmigungen im Jahr 2021 über 38 in 2023 auf nur noch 25 in 2024. Damit ist der Cottbuser Wohnungsbau in derselben Größenordnung eingebrochen wie im Berliner Umland-Kreis Dahme-Spreewald. Der Gutachterausschuss spricht im Marktbericht selbst von einem „immer noch anhaltenden Rückgang der Baugenehmigungen“.
Demografie und Überschuldung als Erbe der Strukturkrise
Beim Altersquotienten – dem Verhältnis der 20- bis 60-Jährigen zu den über 60-Jährigen – liegt Cottbus bei 1,3. Im Bundesschnitt sind es 1,6, der Spitzenwert in Heidelberg liegt bei 2,7. Damit kommen in Cottbus auf jede Person über 60 nur 1,3 Personen im erwerbsfähigen Alter zwischen 20 und 60. Im Niveauranking ist das Rang 327. Bei der privaten Überschuldung liegt der Anteil in Cottbus bei 9,3 Prozent gegenüber 7,9 Prozent im Bundesschnitt – Rang 318.
Beide Werte spiegeln das langjährige Erbe der ostdeutschen Strukturkrise: Abwanderung jüngerer Jahrgänge in den 1990er- und 2000er-Jahren, niedrigere Einkommen, höhere Arbeitslosigkeit über Jahrzehnte. Diese Faktoren bewegen sich nicht innerhalb weniger Jahre. Sie sind aber Teil der Erklärung, warum Cottbus im Niveau weiterhin auf Rang 158 liegt.
Beschäftigungsrate Frauen: Cottbus verliert, der Bund gewinnt
Ein Befund aus der Sonderauswertung sticht besonders heraus. Bei der Beschäftigungsrate von Frauen entwickelt sich Cottbus zwischen 2023 und 2025 sogar negativ – minus 0,2 Prozentpunkte. Im Bundesschnitt ist die Frauenbeschäftigung im selben Zeitraum um 0,8 Prozentpunkte gestiegen. Das ergibt im Dynamikvergleich Rang 353 von 400.
Hier ist eine Einordnung wichtig: Im Niveau liegt die Frauenbeschäftigung in Cottbus mit 68,0 Prozent noch immer über dem Bundesdurchschnitt von 65,6 Prozent – Rang 140. Cottbus startet also von einem hohen Niveau und verliert leicht, während andere Regionen aufholen. Trotzdem ist das eine Bewegung gegen den bundesweiten Trend und verdient Beobachtung. Welche Faktoren dahinterstehen – etwa Teilzeit-Verschiebungen, Abwanderung qualifizierter Frauen oder demografische Effekte – lässt sich aus den IW-Daten nicht ableiten.
Demografie: Streit um den Großstadtstatus
Bei aller Kritik an den Niveau-Schwachstellen zeigt sich aber auch eine bemerkenswerte positive Bewegung im demografischen Hintergrund – allerdings mit einer wichtigen Einschränkung. Der Grundstücksmarktbericht 2024 des Gutachterausschusses dokumentiert auf Basis des kommunalen Einwohnermelderegisters der Stadt Cottbus: 100.275 Einwohner zum 31. Dezember 2024, mit klar steigendem Trend seit 2020 (damals 98.665). Die Stadt wäre damit nach eigenen Zählungen wieder über der Schwelle zur Großstadt.
Allerdings: Die amtliche Bevölkerungsfortschreibung des Amtes für Statistik Berlin-Brandenburg, die auf dem Zensus 2022 basiert, weist für Cottbus zum 31. Dezember 2024 nur 95.123 Einwohner aus. Der Unterschied von rund 5.000 Einwohnern entstand durch die Zensus-Korrektur 2022, die die zuvor angenommene Einwohnerzahl von Cottbus deutlich nach unten revidierte. Nach amtlicher Statistik – und damit nach der Definition, die für offizielle Großstadt-Vergleiche im Bundesgebiet üblicherweise herangezogen wird – ist Cottbus zum Stichtag 31. Dezember 2024 keine Großstadt. Brandenburg hat nach dieser Lesart nur eine Großstadt: Potsdam.
Die Stadtverwaltung Cottbus widerspricht der amtlichen Lesart aktiv. Cottbus‘ Bürgermeisterin Doreen Mohaupt sagte gegenüber dem Wochenkurier: „Für uns als Stadt zählt die Zahl des hauseigenen Melderegisters.“ Welche Zahl die richtige ist, ist damit weniger eine statistische als eine politische Frage – und betrifft nach Angaben des Amtes für Statistik bundesweit besonders mittelgroße Universitätsstädte, weil sich Studierende oft nicht mit Hauptwohnsitz ummelden. Unstrittig ist die Bewegungsrichtung: Cottbus‘ Bevölkerung hat sich nach Daten beider Statistiken zuletzt erholt – nach kommunaler Statistik von 98.665 (2020) auf 100.275 (2024), nach amtlicher Statistik von rund 94.778 (Zensus-Stichtag 2022) auf 95.123 (2024).
Die Arbeitslosenquote spricht hingegen eine andere Sprache: Sie ist nach Daten der Bundesagentur für Arbeit, dokumentiert im Grundstücksmarktbericht, von 7,0 Prozent im Jahr 2021 auf 7,8 Prozent im Jahr 2024 gestiegen. Im IW-Themenbereich Arbeitsmarkt schlägt sich das nieder. Auch die Zahl der Zwangsversteigerungen ist mit nur einer im Jahr 2024 (gegenüber 33 im Jahr 2015) auf einem historischen Tiefstand – ein positives Signal für die Wohnungsmarkt-Stabilität.
Indikator im Fokus: Niveau- und Dynamikranking als zwei Seiten
Das IW-Regionalranking misst sowohl den aktuellen Stand einer Region (Niveau) als auch ihre Veränderung in den letzten zwei Jahren (Dynamik). Cottbus liegt im Niveau auf Rang 158, in der Dynamik auf Rang 1. Diese Kombination – mittlere Position bei starker Aufwärtsbewegung – ist typisch für ostdeutsche Aufsteigerregionen, die von einem niedrigen Ausgangsniveau ausgehen.
So funktioniert das IW-Ranking
Das IW-Regionalranking untersucht, warum manche Regionen erfolgreicher sind als andere. Berücksichtigt werden 14 Kriterien aus den Bereichen Wirtschaft, Arbeitsmarkt und Lebensqualität, die nach einer statistischen Vorab-Analyse Kaufkraft und Arbeitslosigkeit beeinflussen. Die 14 Indikatoren gehen nicht gleichgewichtet in die Berechnung ein. Die Themenbereiche werden unterschiedlich stark berücksichtigt – Lebensqualität mit 49 Prozent, Wirtschaftsstruktur mit 35 Prozent und Arbeitsmarkt mit 16 Prozent.
FAQ zum IW-Regionalranking 2026
Wie passen Rang 1 in der Dynamik und Rang 158 im Niveau zusammen?
Die Dynamik misst die Veränderung der vergangenen zwei Jahre, das Niveau den aktuellen Stand. Cottbus hat sich besonders stark verbessert, startet aber von einem niedrigeren Ausgangsniveau. Beides ist konsistent und in der IW-Methodik so vorgesehen.
Sind die hohen Straftaten in Cottbus ein Sicherheitsproblem?
Der IW-Indikator misst die in der polizeilichen Kriminalstatistik erfassten Fälle je 100.000 Einwohner. Cottbus liegt mit 9.793 Fällen über dem Bundesschnitt. Eine Einordnung der Zahl jenseits der Statistik – etwa nach Deliktarten, Aufklärungsquote oder Tatverdächtigen mit Wohnsitz Cottbus – leistet der IW-Bericht nicht. Solche Differenzierungen liefert die Polizeiliche Kriminalstatistik der Polizei Brandenburg.
Warum entwickelt sich die Frauenbeschäftigung in Cottbus negativ?
Das ist aus den IW-Daten nicht ableitbar. Festzuhalten ist: Cottbus verliert um 0,2 Prozentpunkte, während der Bundesschnitt um 0,8 Prozentpunkte zulegt. Im Niveau liegt die Stadt mit 68 Prozent aber weiterhin über dem Bundesdurchschnitt von 65,6 Prozent.
Ist Cottbus jetzt wieder Großstadt oder nicht?
Das hängt davon ab, welche Statistik herangezogen wird. Nach dem kommunalen Einwohnermelderegister der Stadt Cottbus lag die Einwohnerzahl zum 31. Dezember 2024 bei 100.275 – damit wäre die Großstadt-Schwelle überschritten. Die amtliche Bevölkerungsfortschreibung des Amtes für Statistik Berlin-Brandenburg, die auf dem Zensus 2022 basiert, weist für denselben Stichtag aber nur 95.123 Einwohner aus. Welche Zahl die richtige ist, ist eine bundesweit umstrittene Frage und betrifft vor allem mittelgroße Universitätsstädte. Für offizielle statistische Vergleiche – etwa zur Liste der deutschen Großstädte – wird die amtliche Zahl verwendet.
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Quellen: Ewald/Hünnemeyer/Kempermann (2026): Zwischen Krisen und Chancen. Ergebnisse des IW-Regionalrankings 2026. IW-Report 23/2026, Köln. Sonderauswertung für Cottbus, Kreisfreie Stadt. Gutachterausschuss für Grundstückswerte in der Stadt Cottbus/Chóśebuz (2025): Grundstücksmarktbericht 2024, Cottbus. Amt für Statistik Berlin-Brandenburg (2025): Amtliche Bevölkerungsfortschreibung 2024 für Brandenburg auf Basis des Zensus 2022.
Red. / Presseinformation







