Die Oder führt bei Frankfurt so wenig Wasser wie noch nie seit Beginn der Aufzeichnungen. Am Mittwoch fiel der Pegel auf 77 Zentimeter und unterbot damit den bisherigen Rekord von 2015. Das zeigen die Messwerte der Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes.
Vier Zentimeter unter dem bisherigen Rekord
Der Pegel Frankfurt1 (Oder) liegt bei Stromkilometer 585,3 mitten in der Stadt. Am 19. August sank der Wasserstand dort auf 77 Zentimeter, im Tagesmittel waren es 78 Zentimeter. Der bisherige Tiefstwert stammte vom 31. August 2015 und lag bei 81 Zentimetern.
Am Donnerstagabend stand der Pegel wieder bei 81 Zentimetern. Von Entwarnung kann keine Rede sein: Anfang August lagen die Tagesmittel noch bei 86 bis 89 Zentimetern, Ende Juli bei über 100.

Ein Pegelstand ist keine Wassertiefe
Die 77 Zentimeter bedeuten nicht, dass die Oder bei Frankfurt knietief ist. Ein Pegel misst den Abstand zu einem festgelegten Bezugspunkt, dem Pegelnullpunkt. Der liegt in Frankfurt bei 17,19 Metern über Normalhöhennull, also deutlich unter der Flusssohle an den tiefsten Stellen.
Aussagekräftig ist deshalb der Vergleich mit den langjährigen Kennwerten desselben Pegels. Das mittlere Niedrigwasser beträgt dort 133 Zentimeter, der mittlere Wasserstand über alle Tage des Jahres 237 Zentimeter. Der aktuelle Wert liegt damit bei rund einem Drittel des Normalen.
Niedrigwasser auch an der Neißemündung
Das Niedrigwasser der Oder beginnt nicht erst in Frankfurt. Am Pegel Ratzdorf, wo die Lausitzer Neiße in die Oder mündet, wurde am Mittwoch mit 125 Zentimetern der tiefste Wert des Monats gemessen. In Eisenhüttenstadt waren es am selben Tag 135 Zentimeter.
Weiter flussabwärts zeigt sich derselbe Verlauf: Am Pegel Kietz bei Küstrin sank der Wasserstand am Donnerstag auf 149 Zentimeter und damit auf den tiefsten Stand seit mindestens einem Monat. Die Neiße bringt aus der Lausitz derzeit wenig mit.
Warme Flüsse, wenig Wasser
Der Pegel in Frankfurt misst auch die Wassertemperatur. Am 15. August, dem heißesten Tag der vergangenen zwei Wochen, kletterte sie auf 25,3 Grad, bei einer Lufttemperatur von 36,3 Grad. Seither ist sie auf 20 bis 22 Grad zurückgegangen.
Wenig Wasser und hohe Temperaturen sind für einen Fluss eine ungünstige Kombination. Warmes Wasser nimmt weniger Sauerstoff auf, und je geringer die Wassermenge, desto stärker wirken sich Einleitungen auf die Konzentration von Salzen und Nährstoffen aus.
Die Erinnerung an 2022 sitzt tief
Genau diese Kombination führte im Sommer 2022 zu einer der schwersten Umweltkatastrophen an einem deutschen Fluss. Mehr als 1.000 Tonnen Fisch verendeten in der Oder. Als Ursache gilt eine Massenvermehrung der Brackwasseralge Prymnesium parvum, bekannt als Goldalge, die damals erstmals in der Oder nachgewiesen wurde.
Begünstigt wurde die Algenblüte nach Einschätzung von Fachleuten durch einen zu hohen Salzgehalt, Abwassereinleitungen, Hitze und eben Niedrigwasser. Brandenburg hat daraus Konsequenzen gezogen: Es gibt ein dreistufiges Warnsystem, seit 2024 sucht ein beauftragtes Unternehmen gezielt nach der Goldalge, dazu kam ein landeseigenes Messprogramm.
Das Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei hatte prognostiziert, dass sich die Fischbestände unter günstigen Bedingungen bis 2026 oder 2027 vollständig erholen könnten.
Das Niedrigwasser trifft die Schifffahrt hier kaum
Wirtschaftlich fällt das Rekordtief weniger ins Gewicht als an anderen Flüssen. Auf dem deutschen Abschnitt der Oder gibt es kaum Güterverkehr, anders als etwa am Rhein, wo Niedrigwasser unmittelbar auf Frachtraten und Lieferketten durchschlägt.
Für die Region hat der Fluss dennoch Gewicht: als Grenzgewässer zu Polen, als Naherholungsgebiet und als Lebensraum, dessen Zustand nach 2022 unter besonderer Beobachtung steht.
Dieselbe Ursache wie im Spreewald
Die Lage an der Oder steht nicht für sich. Im Spreewald hat der Landkreis Dahme-Spreewald zum Freitag ein Wasserentnahmeverbot für sechs Kommunen erlassen, weil der Mindestabfluss der Spree seit Ende Mai dauerhaft unterschritten wird ->> wir berichteten
Auch in Südbrandenburg fallen die Pegel seit Wochen ->> Mehr dazu bei NLaktuell
Ursache ist in beiden Fällen dieselbe: ein niederschlagsarmer Sommer mit mehreren Hitzeperioden. Regen verbessert die Abflüsse nach Einschätzung der Behörden immer nur kurzfristig, solange die Böden im Einzugsgebiet ausgetrocknet bleiben.
Datenquelle: PEGELONLINE, Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes. Abgerufen am 20. August 2026.
Titelfoto: Peggychoucair / Pixabay (Archivbild Juli 2022). Grafik: NIEDERLAUSITZ aktuell.
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