Statt Plattenbauten abzureißen und den Beton zu Schotter zu zerkleinern, will die BTU Cottbus-Senftenberg ihre Bauteile in neuen Wohnhäusern einsetzen. Prof. Henri Praeger erklärt auf Anfrage von NIEDERLAUSITZ aktuell, wie das funktionieren soll und was sich ändern muss, damit es sich rechnet.
Jede wiederverwendete Platte ersetzt eine neue
Ein Plattenbau besteht aus wenigen, standardisierten Bauteilen wie Wandplatten, Deckenplatten und Treppenläufen. „Diese Elemente sind in aller Regel technisch intakt und tragfähig, auch nach fünfzig Jahren“, sagt Praeger. Sein Team will einen Block deshalb Element für Element zurückbauen, jedes Teil prüfen, katalogisieren und in einem neuen Gebäude wieder einsetzen.
Der Entwurf folge dann nicht mehr nur dem Raumprogramm, sondern auch dem vorhandenen Material. „Wir entwerfen also mit einem Bauteillager“, so Praeger. Daraus entstehen kleinere, anders zugeschnittene Häuser, etwa Reihen- oder Stadthäuser, gemeinschaftliche Wohnprojekte oder Ergänzungsbauten im Quartier. Mit neuer Dämmung, neuer Haustechnik und zeitgemäßen Grundrissen sollen sie heutige Standards erfüllen. Den entscheidenden Gewinn sieht er in der grauen Energie: Der Zement in den Platten ist bereits hergestellt, das CO₂ bereits ausgestoßen.
Zusammenarbeit mit Prof. Mettke und Blick nach Kolkwitz
Eng arbeitet Praeger mit dem Fachgebiet Bauliches Recycling von Prof. Angelika Mettke zusammen, die seit mehr als dreißig Jahren an der BTU zur Wiederverwendung von Betonbauteilen forscht und dafür die ingenieurtechnischen Grundlagen gelegt hat (wir berichteten). Sie bringt die Expertise zu Rückbau, Prüfung und Tragwerk ein, Praegers Team die architektonische und wohnungswirtschaftliche Sicht. Die Frage sei, welche Wohnformen und Grundrisse sich aus den vorhandenen Elementen entwickeln lassen und wie daraus bezahlbarer Wohnraum wird.
Dass Bauen mit gebrauchten Platten in der Lausitz funktioniert, zeigt gerade Kolkwitz. Dort entsteht auf dem Sportplatz ein Vereinsgebäude aus alten Betonplatten, im August wurde Richtfest gefeiert. „Unser Ziel ist der nächste Schritt vom Vereinshaus zum Wohnungsbau“, sagt Praeger.
Wohnungsunternehmen mit Rückbauplänen sind gefragt
Konkrete Partner oder Standorte kann die BTU noch nicht nennen, Gespräche mit Akteuren in der Region laufen. Nötig sind laut Praeger zwei Partner, die zeitlich zusammenpassen: ein Wohnungsunternehmen oder eine Kommune, die einen Block zurückbauen will, und ein Bauherr, der an anderer Stelle neu bauen möchte. Die Lausitz biete dafür gute Voraussetzungen, weil hier Rückbau und Bedarf an neuem, anders geschnittenem Wohnraum nebeneinander bestehen. „Je früher wir einbezogen sind, desto mehr Material können wir retten“, sagt er und lädt Wohnungsunternehmen und Kommunen ein, sich frühzeitig zu melden.
Vier Hürden machen den Plattenbau noch zu teuer
„Das Material selbst ist nicht das Problem, die Rahmenbedingungen sind es“, sagt Praeger. Erstens koste der selektive Rückbau heute mehr als der Abriss, weil die Entsorgung von Beton billig ist. Zweitens fehlten für gebrauchte Bauteile einheitliche Prüf- und Zulassungswege, fast jedes Projekt brauche eine Einzelfallgenehmigung. Drittens müssten sich Rückbau und Neubau zeitlich und räumlich abstimmen lassen, dafür fehlten regionale Zwischenlager und eine Bauteilbörse. Viertens belohne die Wohnungsbauförderung bislang vor allem den Energieverbrauch im Betrieb, kaum die Emissionen bei der Herstellung.
Ändern sich diese vier Punkte, könne das Bauen mit Elementen aus dem Plattenbau nicht nur ökologisch, sondern auch wirtschaftlich mit dem Neubau mithalten. „Am Material scheitert es nicht“, so Praeger.
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