„Die langsamste Rakete der Welt.“ – Susanne* hat es geschafft!
Sie ist 31, arbeitet in einer Behörde des Senats mitten in Berlin und hat sich von einer Referentin zur Bereichsleiterin hochgearbeitet. Wenn man mit ihr via Bildschirm spricht, merkt man ihr die Behinderung gar nicht an. „In meiner Schule haben mich alle die Rakete genannt. Kein Witz. Natürlich nicht im Sportunterricht, klar. Aber in vielen allen anderen Fächern. Denn ich habe mit meinem Kopf immer das kompensieren müssen, was mir meine körperliche Behinderung verwehrt hat.“
Susanne war besonders gut in Sprachen und sozialwissenschaftlichen Fächern. Und vielleicht war das auch der Grund, warum sie sich für das Verwaltungsrecht entschieden hat.
Abgesehen vom Erfolg in der Schule war ihre Kindheit kein Zuckerschlecken. „Meine Eltern haben immer versucht, mich vor den Hänseleien der anderen Kinder zu schützen. Das hat mir echt gestunken. Ich habe dann gelernt, mich selbst zur Wehr zu setzen. Ich glaube, meine Wortgewandtheit und mein Durchhaltevermögen haben mich gerettet.“ Ihre Eltern waren ziemlich traurig, als sie zum Studium nach Berlin aufgebrochen ist. Aber sie haben eingesehen, dass sie ihre Tochter irgendwann loslassen müssen. Mittlerweile wissen sie es zu schätzen, dass Susanne in Berlin ist. Denn so haben sie immer einen Grund, sie in der Hauptstadt zu besuchen!
Hallo Berlin!
Da ihre Eltern sie nicht nach Berlin begleiten können, haben sich die drei eingehend mit den Möglichkeiten der Betreuung befasst. Schließlich ist der Start in einer Stadt wie Berlin eine echte Herausforderung. Hilfe fanden sie im Internet auf einer Informationsseite zu Persönlicher Assistenz. Schnell war ihnen klar, dass die Persönliche Assistenz das Richtige für sie ist. Die Persönliche Assistenz ist Teil der Eingliederungshilfe und wird von den Unfall-, Kranken- oder Rentenkassen finanziert. Für viele Menschen mit einer schweren Behinderung ist sie der einzig mögliche Weg in ein selbständiges Leben – egal, ob man die Assistent:innen selbst anstellt oder die Hilfe eines Assistenzdienstes in Anspruch nimmt. Die Assistenten helfen auch im Studium, was genau genommen Bildungsassistenz heißt. Sie begleiten die Studierenden von früh bis spät durch ihren Uni-Alltag, öffnen Türen, überwinden Hindernisse und holen auch mal Bücher aus dem obersten Fach im Regal.
Susanne und ihre Eltern haben bei unterschiedlichen Anbietern nachgefragt. Einer von ihnen hat umgehend einen Mitarbeiter zu ihr geschickt, der sich viel Zeit für sie genommen hat. „Wir drei mussten eine ganze Reihe von Fragen klären,“ sagt sie heute rückblickend. „Es kam mir so vor, als ob meine Eltern noch mehr Fragen hatten als ich.“
Die Player an Susannes Seite: Studierendenwerk und EUTB
Neben den Assistenzdiensten hat sich Susanne natürlich auch die Seiten vom Studierendenwerk angeschaut. Für angehende Akademiker:innen mit Behinderung ist dies eine der ersten Anlaufstellen. Sie ist besonders für Studierende von außerhalb relevant, weil das Studierendenwerk die Vergabe von Appartments in den Wohnheimen regelt. Susanne hat darüber hinaus gute Erfahrung mit der Ergänzenden Unabhängigen Teilhabeberatung (EUTB) gemacht.
Die EUTB gibt es in allen größeren Städten und beruht auf dem Prinzip der Peer-to-Peer Beratung. Susanne hat es beeindruckt, dass dort Menschen mit Behinderung arbeiten, die anderen in einer ähnlichen Lage helfen. „Ich finde, die EUTB ist ein super Projekt. Viele Probleme, von denen ich dort berichtet habe, kennen die Leute dort aus ihrem eigenen Alltag. Darüber hinaus sind die Beratungsstellen bundesweit vernetzt. Also wenn jemand Bescheid weiß, dann die EUTB.“
Behinderung im Uni-Alltag: Täglich grüßt das Murmeltier.
Der Alltag an den Hochschulen unterscheidet sich nicht wirklich von dem Rest der Republik. Hürden und Hindernisse sind an der Tagesordnung. Und dass auch hier Diskriminierung gegenüber Menschen mit Behinderung greifbar ist, muss allen klar sein, die in Deutschland studieren möchten. Denn weder Diplom noch Doktortitel schützen vor Vorteilen. Susanne war froh, dass sie von ihrem ersten Tag an jemanden an ihrer Seite hatte, der die subtilen Formen der Diskriminierung kannte und ihr half, mit ihnen klarzukommen.
Die Hochschulen geben sich viel Mühe, talentierten Menschen mit Behinderung eine Chance zu geben – und dies nicht etwa nur, weil sie gesetzlich dazu verpflichtet sind. Ein gutes Beispiel dafür ist die Internetseite der Humboldt-Uni Berlin. Die anderen knapp vierzig Hochschulen haben ähnliche Seiten eingerichtet. Auch die Vertretung der Studierenden ist nicht untätig. Der AStA der FU bietet eine spezielle Beratung für Studierende mit Behinderung an. Die Unterstützung ist im Übrigen nicht auf ein Studium in Deutschland begrenzt. Wenn man möchte, hilft zum Beispiel das Studierendenwerk auch im Ausland. Das kam für Susanne aber nicht in Frage: „Da hätte ich viel zu sehr Heimweh gehabt.“
Persönliche Assistenz: Flexibilität und Kontinuität.
Heute ist Susanne immer noch bei dem Assistenzdienst, für den sie sich damals entschieden hat. Sie weiß sowohl die Kontinuität als auch die Flexibilität dieses Anbieters zu schätzen. Denn viele Mitarbeiter:innen aus ihrer ersten Zeit sind immer noch dabei, auch wenn es für Susanne heute um andere Themen geht. Manche ihrer Assistent:innen zählt sie inzwischen zu ihrem Freundeskreis. Aber auch diejenigen, die einfach nur ihren Job machen, machen ihn gut, wie sie findet. In einer so großen wie anonymen Stadt wie Berlin ist es extrem wichtig, ein Umfeld zu haben, auf das man sich verlassen kann, wenn es hart auf hart kommt. „Und wer ist immer für mich da? Meine Assistentinnen!“
Fragen kostet nichts. Und die Antwort ist in der Regel auch gratis.
Susannes Weg zum Studium und zum Job in Berlin ist nie ein gerader Weg gewesen. Sie muss ein bisschen lachen, wenn sie daran denkt, dass Raketen praktisch nur geradeaus fliegen. „Ich bin zwar die langsamste Rakete der Welt. Aber ich fliege die schönsten Kurven“, sagt Susanne heute. Menschen, die sich in einer ähnlichen Situation befinden wie sie damals, gibt sie den Rat, hartnäckig zu bleiben. „Kaum jemand kommt von sich aus auf die Idee dir zu helfen. Aber wenn du geduldig fragst, kommst du zum Ziel. Einfach dranbleiben.“
*Den Namen hat die Redaktion aus Gründen der Vertraulichkeit geändert.




