Der Landkreis Oberspreewald-Lausitz erreicht im IW-Dynamikranking 2026 im Themenbereich Lebensqualität bundesweit Rang 25 unter 400 Vergleichsregionen. Bei naturnahen Flächen liegt der Kreis sogar auf Rang 4 – direkt hinter Cottbus und vor allen anderen Lausitz-Kreisen. Das geht aus der Sonderauswertung der IW Consult hervor.
Serie: Das IW-Regionalranking 2026 und die Lausitz
Dieser Beitrag ist Teil 8 unserer 14-teiligen Serie, in der Niederlausitz aktuell das IW-Regionalranking 2026 für die Regionen Südbrandenburgs und der sächsischen Lausitz aufschlüsselt. Niederlausitz aktuell hat dafür Sonderauswertungen bei der IW Consult angefordert, mit Mit-Autorin Dr. Vanessa Hünnemeyer Rücksprache zur Methodik gehalten und die Daten mit eigenen Recherchen verknüpft. Bis zum Abschluss der Serie erscheinen neue Teile montags und donnerstags. Alle Teile sind in unserer Übersicht IW-Regionalranking 2026 versammelt.
Lebensqualität-Dynamik in der Spitzengruppe
Im Dynamikvergleich 2022–2024 des IW-Regionalrankings erreicht Oberspreewald-Lausitz in der Lebensqualität 25,6 Punkte – Bundesschnitt 24,3. Damit liegt der Kreis auf Rang 25 von 400 Vergleichsregionen. Vor allem zwei Indikatoren treiben diesen Wert: Die Straftaten je 100.000 Einwohner sind um 773 zurückgegangen (Bundesschnitt: minus 374) – das ist Rang 66 bundesweit. Die private Überschuldung sank um 0,4 Prozentpunkte (Rang 38). Beide Werte verbessern sich deutlich stärker als im Bundesdurchschnitt.
Der prägende Befund liegt aber bei den naturnahen Flächen: Plus 1,9 Prozentpunkte in zwei Jahren ergeben Rang 4 bundesweit – direkt hinter Cottbus (Rang 1, +7,9 Prozentpunkte) und vor Elbe-Elster (Rang 6, +1,2 Prozentpunkte). Im Hintergrund steht das Lausitzer Seenland: Der Sedlitzer See, der Großräschener See und weitere Tagebauseen reichen ins Kreisgebiet hinein. Das bestätigt das IW-Modell, in dem naturnahe Flächen nicht nur die Lebensqualität abbilden, sondern indirekt auch Zuzug und Tourismus stützen.
Die Übernachtungsstatistik des Amtes für Statistik Berlin-Brandenburg untermauert diesen Befund. Das Lausitzer Seenland verzeichnete 2024 nach Daten der Statistischen Landesämter Berlin-Brandenburg und Sachsen 931.057 gewerbliche Übernachtungen, plus 6,5 Prozent gegenüber 2023 und 11,5 Prozent über dem Vor-Corona-Niveau 2019. Damit wächst die Region deutlich schneller als der Brandenburger Tourismus insgesamt. Zudem hat Oberspreewald-Lausitz mit dem Spreewald-Anteil im Nordkreis eine zweite stark frequentierte Tourismusregion: Der Spreewald gehört insgesamt seit Jahren zu den beiden meistbesuchten Tourismusregionen Brandenburgs und verzeichnete 2025 rund 2,1 Millionen Übernachtungen.
BASF Schwarzheide und VTG als sichtbare Investitions-Anker
Im Themenbereich Wirtschaftsstruktur erreicht Oberspreewald-Lausitz im Dynamikvergleich Rang 70. Treiber sind unter anderem der Gewerbesaldo mit einem Plus von 0,7 Neuanmeldungen je 1.000 Einwohner – Rang 42 bundesweit – und die gemeindliche Steuerkraft mit einem Zuwachs von 98 Euro je Einwohner (Rang 141). Beides liegt über dem Bundesdurchschnitt.
Hinter diesen Zahlen stehen industrielle Investitionen. Der Chemiestandort BASF Schwarzheide gilt nach Angaben der brandenburgischen Landesregierung als Musterbeispiel für industrielle Transformation in Ostdeutschland. Die 2022 in Betrieb genommene Fabrik für Kathodenmaterialien für Lithium-Ionen-Batterien schuf 150 zusätzliche Arbeitsplätze und wurde mit rund 175 Millionen Euro aus Bundes- und Landesmitteln gefördert. Im Juli 2025 unterzeichneten BASF und das Land Brandenburg zum 35-jährigen Jubiläum eine gemeinsame Erklärung zur Weiterentwicklung des Standorts.
Auch die jüngere Entwicklung zeigt Dynamik: Im Juli 2025 unterzeichneten Stadt Schwarzheide, Gemeinde Schipkau und BASF eine Absichtserklärung für die Entwicklung des ehemaligen Sonderlandeplatzes Schipkau–Schwarzheide als 130 Hektar großes Industrie- und Gewerbegebiet an der A13. Im Mai 2026 wurde der Standort um eine Wasserstoff-Testanlage des Dresdner Unternehmens Sunfire erweitert. Gemeinsam mit dem Übertragungsnetzbetreiber 50Hertz baut BASF zudem eine Power-to-Heat-Anlage mit 25 Megawatt, die überschüssigen Windstrom in Prozesswärme umwandelt.
Im April 2024 eröffnete die Hamburger VTG GmbH in Großräschen ihr Güterwagen-Zentrum Lausitz – nach Unternehmensangaben das erste klimaneutrale Instandhaltungswerk für Güterwagen in Europa. Bis zu 50 Arbeitsplätze sollen entstehen, jährlich werden bis zu 2.000 Güterwagen instand gehalten. Errichtet wurde das Werk auf einer ehemaligen Bergbaufläche der LMBV.
Eingebettet sind beide Standorte in den Regionalen Wachstumskern Westlausitz, der nach Angaben der Wirtschaftsförderung Brandenburg seit 2005 die Städte Senftenberg, Großräschen, Schwarzheide, Lauchhammer und Finsterwalde gezielt in Automotive, Biotechnologie, Energiewirtschaft, Medien/IKT, Metall und Tourismus fördert. Vier dieser fünf Standorte liegen in Oberspreewald-Lausitz. Senftenberg ist nach Angaben des Gutachterausschusses für Grundstückswerte SPN-OSL zusätzlich Innovations- und Gesundheitszentrum mit einem BTU-Standort und den Sana Kliniken. In Lübbenau hat die RABE Spreewälder Konserven GmbH ihren Sitz, REMONDIS Brandenburg operiert in Großräschen.
Bevölkerung: Minus 33 Prozent seit der Wende
Hinter den IW-Befunden steht eine demografische Langzeitentwicklung, die im aktuellen Grundstücksmarktbericht 2024 des Gutachterausschusses SPN-OSL dokumentiert ist. Oberspreewald-Lausitz hatte am 31. Dezember 1991 noch 161.047 Einwohner. Bis zum Jahr 2000 sank die Zahl auf 145.110, und am 31. Dezember 2024 wohnten nur noch 107.793 Menschen im Kreis – ein Rückgang um 33 Prozent in 33 Jahren. Die Bevölkerungsdichte liegt heute bei 88 Einwohnern je Quadratkilometer.
Auch die Kaufkraft-Daten zeigen, wie weit der Kreis vom Bundesschnitt entfernt ist. Nach Erhebungen der Michael Bauer Research GmbH, ausgewertet im Grundstücksmarktbericht SPN-OSL 2024, lag die Kaufkraft je Einwohner in Oberspreewald-Lausitz 2025 bei 27.621 Euro – das ist ein Kaufkraftindex von 90,4 gegenüber dem Bundesschnitt von 100. Mit einer jüngsten Wachstumsrate von 2,5 Prozent pro Kopf liegt der Kreis aber im positiven Trend. Die Arbeitslosenquote, eine weitere im Grundstücksmarktbericht ausgewiesene Kennziffer, ist seit 2015 (11,6 Prozent) auf 7,0 Prozent (2024) gesunken – ein deutlicher Strukturwandel-Erfolg, der das positive IW-Lebensqualität-Bild bestätigt.
Aber: Hochqualifizierte gehen verloren – fast bundesweites Schlusslicht
So eindeutig die Lebensqualität-Werte und die wirtschaftlichen Indikatoren positiv sind, so deutlich ist die Schwachstelle im Themenbereich Arbeitsmarkt. Hier erreicht Oberspreewald-Lausitz im Dynamikvergleich Rang 363 von 400 – also Unteres Mittelfeld unter den schwächsten 40 Regionen Deutschlands. Der zentrale Befund: Beim Anteil hochqualifizierter Beschäftigter verliert der Kreis 0,2 Prozentpunkte, während der Bundesschnitt um 1,0 Prozentpunkte zulegt. Das entspricht Rang 398 bundesweit – fast Schlusslicht.
Beim Wanderungssaldo der 25- bis 30-Jährigen liegt der Verlust bei minus 36,7 je 1.000 Einwohner dieser Altersgruppe (Rang 356). Der Bundesschnitt liegt bei minus 18,8. Die BASF-Ansiedlung mit 150 Arbeitsplätzen reicht offenbar nicht aus, um den überregionalen Trend zur Abwanderung Jüngerer und Hochqualifizierter zu drehen. Auch die Beschäftigungsrate der Frauen entwickelte sich mit plus 0,3 Prozentpunkten schwächer als im Bundesschnitt (+0,8 Prozentpunkte) – Rang 309.
Ärztedichte: 30 Prozent über 60 Jahre alt
Eine weitere strukturelle Schwachstelle zeichnet sich bei der ärztlichen Versorgung ab. Nach Daten der Landesärztekammer Brandenburg waren am 31. Dezember 2025 im Landkreis Oberspreewald-Lausitz 293 Ärztinnen und Ärzte berufstätig. Davon waren 88 Personen 60 Jahre oder älter – ein Anteil von 30,0 Prozent. In Potsdam liegt dieser Wert bei 17,2 Prozent.
Im IW-Ranking-Niveau erreicht Oberspreewald-Lausitz bei der Ärztedichte 132 Ärzte je 100.000 Einwohner (Rang 371) – Bundesschnitt: 183. In den kommenden fünf bis zehn Jahren wird etwa ein Drittel der heute aktiven Ärzteschaft altersbedingt aus dem Berufsleben ausscheiden. Bei nur 75 niedergelassenen Ärzten im gesamten Kreis hat dieser Effekt unmittelbare Folgen für die ambulante Grundversorgung. Die im Aufbau befindliche Medizinische Universität Lausitz – Carl Thiem in Cottbus soll diese Lücke regional schließen helfen. Erste Studierende beginnen ihr Studium dort im Oktober 2026. Bis ausgebildete Mediziner aus dieser Universität in die Versorgung kommen, vergehen aber mindestens sechs Jahre.
Niveauranking: Mittelfeld mit harten Schwachstellen
Im aktuellen Niveauranking 2026 liegt Oberspreewald-Lausitz auf Rang 263 von 400. Damit gehört der Kreis zum unteren Mittelfeld der bundesweiten Regionen. Beim Indikator Baugenehmigungen erreicht der Kreis 0,0 neue Wohnungen je 1.000 bestehender Wohnungen – das ist Rang 400 von 400, das bundesweite Schlusslicht. Bei der gemeindlichen Steuerkraft im Niveau (770 Euro je Einwohner) liegt der Kreis auf Rang 368 (Bundesschnitt: 1.172 Euro). Der Altersquotient von 1,1 entspricht Rang 386 – eine der ältesten Bevölkerungsstrukturen Deutschlands.
Diese harten Schwachstellen im Niveau erklären, warum der Kreis im Gesamtranking nur auf Rang 263 liegt, obwohl er in der Dynamik (Rang 72) zum oberen Drittel gehört. Oberspreewald-Lausitz ist eine klassische ostdeutsche Strukturwandel-Region: Sie verbessert sich messbar, startet aber von einem niedrigen Niveau und kämpft mit demografischen Lasten, die sich innerhalb weniger Jahre nicht drehen lassen.
Methodischer Hinweis: Langzeit ≠ Dynamik
In früheren Veröffentlichungen wurde Oberspreewald-Lausitz mit „+81 Plätzen seit 2016″ als Aufsteiger geführt. Dieser Befund stammt aus dem Vergleich der Niveau-Gesamtplatzierungen zwischen 2016 und 2026. Dr. Vanessa Hünnemeyer, Senior Manager bei der IW Consult, weist in einer schriftlichen Stellungnahme gegenüber Niederlausitz aktuell darauf hin: Die IW hat für diesen Langzeitvergleich keine vertiefte Auswertung vorgenommen. „Von dem einen kann man nicht auf das andere schließen“, heißt es zu der Beziehung zwischen Langzeitvergleich und dem aktuellen Dynamikranking 2022–2024.
So funktioniert das IW-Ranking
Das IW-Regionalranking untersucht, warum manche Regionen erfolgreicher sind als andere. Berücksichtigt werden 14 Kriterien aus den Bereichen Wirtschaft, Arbeitsmarkt und Lebensqualität, die nach einer statistischen Vorab-Analyse Kaufkraft und Arbeitslosigkeit beeinflussen. Die 14 Indikatoren gehen nicht gleichgewichtet in die Berechnung ein. Die Themenbereiche werden unterschiedlich stark berücksichtigt – Lebensqualität mit 49 Prozent, Wirtschaftsstruktur mit 35 Prozent und Arbeitsmarkt mit 16 Prozent.
Indikator im Fokus: Naturnahe Flächen
Der Indikator erfasst den Anteil der Erholungs-, Wald- und Wasserflächen an der gesamten Bodenfläche. Oberspreewald-Lausitz erreicht im Niveauvergleich 48,9 Prozent (Rang 51 bundesweit). In der Dynamik 2022–2024 ergibt der Zuwachs von 1,9 Prozentpunkten Rang 4 von 400 – direkt hinter Cottbus (Rang 1) und vor Elbe-Elster (Rang 6). Das Lausitzer Seenland mit dem Sedlitzer See und dem Großräschener See ist der vermutlich prägende Hintergrund.
FAQ zum IW-Regionalranking 2026
Was ist die Hauptstärke von Oberspreewald-Lausitz?
Im Dynamikvergleich erreicht der Kreis im Themenbereich Lebensqualität Rang 25 von 400 Vergleichsregionen. Bei naturnahen Flächen liegt OSL bundesweit auf Rang 4, beim Rückgang der Straftaten auf Rang 66, beim Rückgang der privaten Überschuldung auf Rang 38. Das Lausitzer Seenland mit Sedlitzer See und Großräschener See spielt eine wesentliche Rolle.
Was ist die Hauptschwäche?
Beim Anteil hochqualifizierter Beschäftigter verliert der Kreis 0,2 Prozentpunkte – Rang 398 von 400. Beim Wanderungssaldo der 25- bis 30-Jährigen liegt der Kreis auf Rang 356. Im Niveau erreichen die Baugenehmigungen sogar Rang 400, also das bundesweite Schlusslicht.
Wie stark ist der BASF-Effekt?
Die BASF-Investition mit 150 Arbeitsplätzen ist nach Selbstdarstellung der brandenburgischen Landesregierung ein Musterbeispiel für industrielle Transformation. In den IW-Indikatoren schlägt sie sich unter anderem in der Steuerkraft (+98 Euro je Einwohner) nieder. Sie reicht aber offenbar nicht aus, um den Abwanderungstrend Hochqualifizierter zu drehen – dieser Indikator entwickelt sich gegen den Bundestrend.
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Quellen: Ewald/Hünnemeyer/Kempermann (2026): Zwischen Krisen und Chancen. Ergebnisse des IW-Regionalrankings 2026. IW-Report 23/2026, Köln. Sonderauswertung für den Landkreis Oberspreewald-Lausitz. Statistische Landesämter Berlin-Brandenburg und Sachsen (2025): Tourismusbilanz 2024 für das Lausitzer Seenland. Amt für Statistik Berlin-Brandenburg (2026): Tourismus 2025 in Brandenburg. Landesärztekammer Brandenburg (2026): Berufstätige Ärzte am 31.12.2025. Eigene Berichterstattung Niederlausitz aktuell zum BASF-Standort Schwarzheide 2024–2026.
Red. / Presseinformation




