In der Nacht zu Donnerstag wurde das alternative Wohnprojekt Zelle79 in der Parzellenstraße in Cottbus Ziel eines Brandanschlags. Das teilten die Polizei und die Initiative Sichere Orte Südbrandenburg mit. Unbekannte warfen mit brennbarer Flüssigkeit gefüllte Flaschen gegen die Fassade, verletzt wurde niemand. Die Polizei ermittelt wegen des Verdachts des versuchten Mordes. Inzwischen hat der Anschlag Reaktionen aus Politik und Verwaltung ausgelöst: Innenminister Jan Redmann und Oberbürgermeister Tobias Schick verurteilten die Tat, während die Initiative einen dauerhaft finanzierten Opferschutz fordert.
Polizei sucht Zeugen und Hinweise zu Brandanschlag
Die Bewohner des Wohnprojektes Zelle79 in der Parzellenstraße riefen am frühen Donnerstagmorgen gegen 01:15 Uhr die Polizei. Zuvor hatten Unbekannte mehrere mit brennbaren Flüssigkeiten gefüllte Flaschen gegen die Fassade geworfen. Die Beamten löschten einen dadurch entstandenen Kleinbrand in der Nähe des Hauses. Verletzt wurde niemand. Kriminaltechniker sicherten noch in der Nacht Spuren am Tatort. Weil sich zur Tatzeit Personen im Haus aufhielten, ermittelt die Polizei nach eigenen Angaben zunächst wegen des Verdachts des versuchten Mordes, vorbehaltlich der konkreten Bewertung der Staatsanwaltschaft. Da es sich um ein alternatives Szeneobjekt handelt, hat der Staatsschutz eine gemeinsame Ermittlungsgruppe mit der Mordkommission gebildet. Neben angepassten Schutzmaßnahmen werden auch Videoaufnahmen ausgewertet, die Zeugen gefertigt haben.
Nach ersten Zeugenaussagen wurden zwei Personen beobachtet. Die erste Person wird als männlich und etwa 15 bis 20 Jahre alt beschrieben, mit einer Tätowierung am linken Unterarm, schwarzer Kleidung mit kurzer Hose und einer schwarz-weiß-roten Sturmhaube. Die zweite Person soll ebenfalls männlich und etwa 15 bis 20 Jahre alt sein, schwarz gekleidet mit langer Hose und einem Langarmshirt mit weißem Brustaufdruck. Die Polizei fragt: Wer hat die Tat beobachtet? Wer hat im zeitlichen und örtlichen Umfeld Personen bemerkt, auf die diese Beschreibung zutrifft? Hinweise nimmt die Polizeiinspektion Cottbus/Spree-Neiße unter der Telefonnummer 0355 4937-1227, jede andere Polizeidienststelle sowie die Internetwache der Polizei entgegen.
Die Initiative Sichere Orte Südbrandenburg spricht von einem Brandanschlag auf das alternative Wohnprojekt Zelle79. Zwei Angreifer hätten Brandsätze gegen das bewohnte Haus geworfen. Der Anschlag ereignete sich während der CSD-Aktionswochen in Cottbus. Am Haus hatten die Bewohner ein CSD-Plakat und eine Regenbogenfahne angebracht; auf einem Banner nahmen sie Bezug auf die Entscheidung, der Stadtverwaltung das Gendern zu untersagen.
„Dieser Brandanschlag ist ein Angriff auf queeres Leben in Cottbus“, erklärte Lukas Pellio, Sprecher der Initiative. Es werde „wieder einmal deutlich, mit welchem Selbstbewusstsein und mit welcher Skrupellosigkeit die rechte Szene in Cottbus agiert“. Nach Darstellung der Initiative ist das Wohnprojekt seit Längerem Ziel von Angriffen; in den vergangenen Monaten habe es mehrere Anschläge und wiederholt Schmierereien an der Fassade gegeben. Bereits im vergangenen Jahr sei während der CSD-Aktionswochen ein Brandanschlag auf das Regenbogenkombinat Cottbus verübt worden.
Land und Stadt verurteilen den Anschlag
Der Brandanschlag hat Reaktionen aus Politik und Verwaltung ausgelöst. In ihren Stellungnahmen bezogen sich Innenminister Jan Redmann und Oberbürgermeister Tobias Schick dabei auf zwei Objekte: Neben der Zelle79 soll in derselben Nacht auch am alternativen Jugendclub Chekov Feuer gelegt worden sein.
Die Anschläge machten ihn wütend, erklärte Innenminister Redmann. „Rechtsextremisten verätzen das Zusammenleben. Wer Molotow-Cocktails schmeißt, nimmt Opfer in Kauf.“ Anders als die Polizei, die in ihrem Zeugenaufruf neutral von einem alternativen Szeneobjekt sprach, benennt der Minister damit ausdrücklich einen rechtsextremen Hintergrund. Die Unterstützung des Landes sei bereits hochgeschraubt worden: Eine spezialisierte Ermittlungsgruppe leuchte die Strukturen des verantwortlichen Milieus aus, die Sicherheitsmaßnahmen seien erhöht, und die Polizei habe ihre Präsenz auch im Zuge der CSD-Aktionswochen verstärkt.
Auch Oberbürgermeister Schick verurteilte die Attacke. „Wir werden immer an der Seite derer stehen, die attackiert werden oder deren Leben man gefährdet, obwohl sie nur friedlich, aber anders leben wollen“, erklärte er. Es komme offenbar nicht von ungefähr, dass der Anschlag während der CSD-Wochen verübt worden sei. Er habe Kontakt zur Initiative Sichere Orte aufgenommen. Zuallererst müsse man sich um die Opfer solcher Attacken kümmern und brauche dafür die notwendigen Strukturen und Finanzen. Zunächst seien die Ermittlungen der Behörden abzuwarten.
Schick wiederholt Forderung nach mehr Videoüberwachung
Den größeren Teil seiner Stellungnahme nutzte Schick, um eigene, seit Langem erhobene Forderungen zu bekräftigen. Man brauche klare Regelungen, um den Einsatz von Kameras auch im öffentlichen Raum gezielt und rechtssicher zu gewährleisten, um abzuschrecken und die Aufklärung von Straftaten zu unterstützen. „Datenschutz darf den Schutz von Menschen nicht behindern“, so Schick. Darüber hinaus mahnte Schick eine gesellschaftliche Verständigung im Umgang mit mutmaßlich minderjährigen Straftätern an, aber auch darüber, wie sich verhindern lasse, dass junge Menschen überhaupt zu Straftätern würden. Gefordert seien hier Familien, Lehrer, Sozialarbeiter und letztlich alle.
Initiative fordert dauerhaften Opferschutz
Die Initiative Sichere Orte Südbrandenburg fordert von Kommunal- und Landespolitik langfristiges Handeln, einen eigenen Standort der Opferperspektive für Cottbus sowie eine konsequentere Strafverfolgung. Sprecher Lukas Pellio betonte, konsequente Arbeit der Polizei sei die eine Seite, Opferschutz und Stärkung der Zivilgesellschaft die unbedingt notwendige andere Seite der Medaille. Für heute ruft die Initiative zu einer Mahnwache vor der Zelle79. „Wir bleiben hier“ auf, stellte Buchholz für die Bewohnerschaft klar. Gemeinsam mit anderen wolle man am 11. Juli beim CSD in Cottbus auf die Straße gehen.
Video von betroffenem Wohnprojekt
Foto: Fabi Buchholz
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