Direkt an der Südbahn des Flughafens BER steht seit Dienstag Deutschlands größte Agri-Photovoltaik-Anlage mit Ackerbau am Netz. 74.064 Module auf 76 Hektar in der Gemarkung Selchow bei Schönefeld – und darunter wird weiter gewirtschaftet.
Die 76 Hektar in der Gemarkung Selchow
Die Gesamtfläche des Projekts an der Mittenwalder Straße in der Gemarkung Selchow beträgt 76 Hektar, was etwa 106 Fußballfeldern entspricht. Rund 70 Hektar davon entfallen auf die Anlage selbst, die übrigen Flächen sind Ausgleichs- und Ersatzflächen. Das teilte die Berliner Stadtgüter GmbH auf Anfrage mit, der die Fläche gehört.
Dazu kommen 17 Hektar außerhalb des Geländes: Sie werden bei Ragow und Deutsch Wusterhausen als Ausgleich für Brutvögel hergerichtet, vor allem für die Feldlerche. Sie stammen aus einem 370 Hektar großen Flächenpool des landeseigenen Berliner Unternehmens.
Die Anlage leistet rund 48 Megawatt und liefert nach Angaben der Beteiligten Strom für etwa 16.500 Haushalte, was gut 21.500 Tonnen Kohlendioxid im Jahr einspart. Mindestens 90 Prozent der Fläche werden ökologisch bewirtschaftet. Die Projektlaufzeit beträgt 30 Jahre.

Der Landwirt kann die Module drehen
Damit unter den Modulen gearbeitet werden kann, stehen sie 3,50 Meter hoch. Die Reihen verlaufen in Nord-Süd-Richtung und sind elf Meter voneinander entfernt – neun Meter davon bleiben als Arbeitsbreite für die Maschinen.
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Der eigentliche Kniff steckt in der Steuerung: Die Module sitzen auf einachsigen Nachführsystemen und folgen der Sonne. Das bringt nach Angaben der Projektbeteiligten 25 bis 30 Prozent mehr Ertrag als eine feste Aufständerung, vor allem morgens und abends. Und die Ausrichtung der Paneele kann der Landwirt kurzfristig selbst anpassen, wenn er für einen Arbeitsschritt mehr Platz braucht.
Direkt unter den Modultischen entstehen Wildblumenstreifen aus regional erzeugtem Saatgut.
Was der Landwirt auf dem BER-Acker davon hat
Bewirtschaftet wird die Fläche von Sven Geelhaar vom Landgut Geelhaar in Chorin, einem Biobetrieb mit rund 300 Hektar. Er hat die Agrarfläche gepachtet.
Das „Dach“ aus Modulen soll den Acker vor Starkregen und extremer Sonneneinstrahlung schützen und so Bodentrockenheit und Erosion verringern. „Wir brauchen innovative Lösungsansätze für die Folgen der Klimaveränderung. Ein Weiter-So auf den Brandenburger Böden ist zukünftig kaum möglich“, sagt Geelhaar. „Agri-PV hat mich schon immer interessiert. Ich freue mich über die Chance, diese neue Form des Landwirtschaftens auszuprobieren.“
Der Bauernzeitung berichtete er von einer Beobachtung aus diesem Frühjahr: Obwohl es im April auf der Fläche nicht geregnet habe, sei unter den Modulen noch Feuchtigkeit im Boden gewesen.
Zunächst wächst dort eine Zwischenfrucht, ab 2027 sind nach Angaben des Fachdienstes cleanthinking Körnerhirse, Luzerne und Ackergräser vorgesehen, möglicherweise auch Mohn oder Raps. Eine Kultur ist ausgeschlossen: Mais. Hoher Bewuchs zieht Vögel an, und Vogelschlag ist an einer Start- und Landebahn ein Sicherheitsthema.

Drei Jahre Begleitforschung am Standort BER
Ob das Konzept aufgeht, wird untersucht. Die Anlage gehört zum Forschungsvorhaben „Untersuchung und Bewertung von Agri-PV-Anlagen“, das von 2025 bis 2027 läuft und sechs Fallbeispiele vergleicht. Erfasst werden Vegetation, Vögel, Insekten, Reptilien sowie Klein- und Mittelsäuger, dazu das Landschaftsbild und die mikroklimatischen Bedingungen.
Beteiligt sind das Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung, das die Wechselwirkungen zwischen Landwirtschaft und Anlage untersucht, sowie eine Arbeitsgruppe der Technischen Universität Dresden, unterstützt vom Bundesamt für Naturschutz. Am Ende sollen übergreifende Empfehlungen für eine naturverträgliche Gestaltung solcher Anlagen stehen.
Auch Bürger sollen sich beteiligen können
Über die in Brandenburg gesetzlich vorgeschriebene finanzielle Beteiligung der betroffenen Kommune hinaus wird nach Angaben der Berliner Stadtgüter derzeit ein Angebot zur direkten Beteiligung für Bürgerinnen und Bürger vor Ort erarbeitet. Einzelheiten dazu stehen noch nicht fest.
„Boden ist eine wertvolle und knappe Ressource. Mit diesem Projekt zeigen wir, wie sich regionale Landwirtschaft, Energiewende und Biodiversitätsförderung auf einer Fläche in Einklang bringen lassen“, sagt Katrin Stary, Geschäftsführerin der Berliner Stadtgüter.
Wem was gehört in Selchow und was offen ist
Entwickelt hat das Projekt die Elysium Solar GmbH, gebaut hat es Goldbeck Solar. Die Anlage selbst gehört klimaVest, einem Publikumsfonds der Commerz-Real-Gruppe. Ein Standortvorteil ist banal und entscheidend zugleich: Eine 110-Kilovolt-Leitung verläuft unmittelbar an der Fläche.
Was die Anlage gekostet hat und wie der Strom vermarktet wird, ist weiterhin offen. Die Berliner Stadtgüter haben unsere Fragen dazu an Elysium Solar weitergereicht; wir ergänzen den Beitrag, sobald Antworten vorliegen.

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Red. / Presseinformation
Fotos: INES fotografie Berlin







