Landkreis
Cottbus Mittwoch, 11 November 2020 von Redaktion / Presseinfo

"Lage ist beunruhigend": Cottbuser Rettungsdienst mit dringendem Appell

Auf der heutigen Pressekonferenz hat der Cottbuser Rettungsdienst einen dringenden Appell an die Bevölkerung gerichtet. Die Situation im Zuge der aktuellen Corona-Pandemie ist für die Retter derzeit beunruhigend. Die ärztlichen Leiter warnen demzufolge vor dem Kleinreden der Situation bzw. Ignorieren der Maßnahmen. Wie die Stadt außerdem mitteilte, befinden sich derzeit 42 Patienten in stationärer Behandlung, davon 13 auf Intensivstation. Die 7-Tage-Inzidenz in der Stadt liegt bei 164. 

Die gesamte Pressekonferenz zum Nachschauen gibt es auf unserem Youtubekanal im Titelvideo.

Die Stadt Cottbs teilte dazu mit: 

Werte Cottbuserinnen und werte Cottbuser,

wir möchten mit diesem Aufruf den einen oder anderen von Ihnen wachrütteln und auch etwas klarstellen!

Seit Wochen arbeiten Menschen dieser Stadt täglich daran, diese Kommune und ihre Bürger möglichst gut und ohne weiteren Schaden durch die COVID19 Pandemie zu bringen. Gemeinsam und unter Hinzuziehen von weiteren Fachleuten wird täglich im Rahmen der Vorgaben der Bundesregierung sowie der Eindämmungsverordnung des Landes Brandenburg abgewogen, was das Beste für die Stadt Cottbus und deren Bürger ist. Dabei müssen schwerwiegende Entscheidungen getroffen werden, die verständlicherweise nicht allen Bürgern der Stadt recht sein können. Aber wie weit die Gesellschaft, die Bürger dieser Stadt auseinandergerückt sind, welche Egoismen gerade jetzt in dieser problematischen Situation für viele Menschen aus Cottbus wichtiger sind als das Gemeinwohl, zeigt sich gerade in dieser schwierigen Zeit. Die wirklich schwierige Zeit für die Stadt und ihre Menschen kommt aber erst noch!

Egoismus vieler Menschen in Cottbus wichtiger als Gemeinwohl 

Die Kontrolle über die Pandemie ist längst verloren gegangen, weil der Egoismus vieler Mitmenschen wichtiger war, als das Wohl Aller. Albert Bartlett (amerikanischer Physikprofessor) sagte einmal: „Das größte Manko der menschlichen Rasse ist unsere Unfähigkeit, die Exponentialfunktion zu verstehen.“

Wir aber erleben ein exponentielles Wachstum der Infektionszahlen in unserer Stadt. Worum geht es in der Pandemie eigentlich? Das Virus aufzuhalten, verschwinden zu lassen, ist ein Fernziel - im Moment geht es darum, die exponentielle Ausbereitung des SARS-COV2 Virus zu verlangsamen und einzudämmen. Das Ziel, dieses Virus unter Kontrolle zu halten, wurde in der Stadt Cottbus und den meisten Regionen in Deutschland deutlich verpasst.

Was ist das Problem? Wir haben ein tolles Gesundheitssystem für den Einzelnen, für die eine individuelle Erkrankung, egal wie schwer oder kompliziert diese auch ist, jeder in Deutschland hat Zugang zur Hochleistungsmedizin des 21. Jahrhunderts. Darum werden wir in der ganzen Welt beneidet! Nur haben wir nicht den einzelnen Kranken, sondern ein „exponentielles“ Aufkommen an Infizierten und damit erkrankten Mitmenschen, worauf unser auf Effizienz getrimmtes Gesundheitssystem nicht vorbereitet ist!

Was bedeutet das?

Das Carl-Thiem-Klinikum hat regulär 24 Intensivbetten mit Beatmungsmöglichkeiten für den Herzinfarkt, den Verkehrsunfall und andere lebensbedrohliche Erkrankungen. Sind alle 24 Betten belegt, ist die Klinik an ihrer Belastungsgrenze angelangt. Aktuell wurden in den letzten zwei Wochen 12 dieser 24 Betten für COVID19 Patienten vorgesehen, seit 05.11.2020 sind so gut wie alle dieser 12 Betten mit COVID19 Patienten belegt. Das CTK erweitert nun diese Intensivtherapiemöglichkeiten für COVID19 Patienten um die weiteren 12 vorhandenen Betten, in denen eben noch operierte oder verunfallte Patienten lagen. Diese werden jetzt in einem anderen Bereich des Klinikums, in dem ITSBetten für Nicht-COVID19 Patienten geschaffen wurden, weiterbetreut. Exponentielles Wachstum bedeutet aber, dass die neu geschaffenen Intensivbetten für COVID19 Patienten in den nächsten Tagen ebenfalls vollständig belegt sein könnten. Und dann? Sicherlich gibt es Pläne, die Beatmungsmöglichkeiten auszubauen, aber auch diese Möglichkeit ist endlich! Über eines muss sich dann der Cottbuser Bürger im Klaren sein, in diesem Moment bleibt vieles in der normalen medizinischen Versorgung liegen! Ein grundsätzliches Problem, welches die Möglichkeiten der medizinischen Versorgung begrenzt, ist neben der technischen Ausstattung vor allem die begrenzte Zahl von Pflegekräften. Cottbus ist hier sicherlich kein Einzelfall, führende Intensivmediziner des Landes haben schon vor Jahren auf dieses Pflegekräfteproblem hingewiesen Auch der Rettungsdienst und die Regionalleitstelle sind hinsichtlich der personellen und der materiellen Ausstattung limitiert, es kann auch unter Nutzung von Reserven zu einer Überlastung der vorhandenen Strukturen kommen. Dies würde dazu führen, dass Hilfeersuchen der Bevölkerung nicht mehr zeitgerecht bedient werden könnten - sowohl für COVID-Patienten als auch für alle anderen Notfälle. In allen genannten Bereichen würde dabei nicht nur die Auslastung durch ein erhöhtes Patientenaufkommen steigen. Zusätzlich kommt es zu einem erheblich höherer Zeitaufwand durch Hygienemaßnahmen bei der Behandlung der COVID-erkrankten Patienten und zu gravierenden Problemen durch Personalausfall aufgrund von Krankheit und Quarantäne. Wo wollen Sie dann eigentlich noch Ihre akute Erkrankung wie einen Herzinfarkt oder Verkehrsunfall behandeln lassen?

Die Lage ist sehr ernst!

Wer immer noch nicht begriffen hat, worum es geht, wem Egoismen immer noch wichtiger sind als das Wohl dieser Stadt und seiner Mitmenschen, dem sagen wir, schauen Sie nach rechts und links! Ist derjenige neben Ihnen übergewichtig, hat eine leichte Grunderkrankung wie allergisches Asthma oder Diabetes, ist älter als 55 Jahre? Ja? Warum soll dieser Mensch neben Ihnen in den nächsten Wochen vielleicht sterben? Warum sollte die ältere Dame von nebenan, 70 Jahre alt, die regelmäßig auf ihre Enkelkinder aufpasst, ihren Haushalt und den Einkauf selbst erledigt in den nächsten Wochen sterben? Warum soll der 40-jährige Krebspatient, der die letzten zwei Jahre den Kampf gegen seine Krankheit gewonnen hat und im Augenblick tumorfrei ist mit guten Aussichten die nächsten 5 Jahre zu erleben, warum soll er dieses Jahr sterben? Was gibt Ihnen das Recht zu sagen, die Mitbürgerin oder der Mitbürger sind es nicht wert? Wir können nur alle Mitmenschen unserer Stadt aufrufen, endlich aufzuwachen, Egoismen nach hinten an zu stellen und Unwichtiges aufzuschieben! Bitte ziehen Sie endlich an einem Strang mit denen, die täglich darum kämpfen die Strukturen, die sie zum täglichen Leben brauchen, am Leben zu halten. Es ist ganz einfach - bitte beachten Sie die AHA+L-Regeln – jeder kann mit seinem eigenen Handeln dazu beitragen, dass die Krankenhäuser und der Rettungsdienst nicht kollabieren. Alle Cottbuserinnen und Cottbuser brauchen ein funktionierendes Gesundheitssystem, die COVID – Patienten und alle anderen Erkrankten!

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Red. / Presseinfo 

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