Rund 42 Prozent der Familien mit Kindern in Cottbus sind alleinerziehend. Das steht im Jahresbericht der Gleichstellungsbeauftragten Aline Erdmann, den sie am Mittwoch in der Stadtverordnetenversammlung vorgestellt hat. Nach einer Auswertung der Zensusdaten durch NIEDERLAUSITZ aktuell ist das der höchste Anteil aller Landkreise und kreisfreien Städte in Deutschland.
Cottbus liegt beim Anteil Alleinerziehender bundesweit vorn
Die Zahl lässt sich mit den Regionaldaten des Zensus 2022 nachvollziehen. Danach lebten in Cottbus am Stichtag 15. Mai 2022 in 4.678 Haushalten Alleinerziehende mit ihren Kindern und in 6.222 Haushalten Paare mit Kindern. Das entspricht einem Anteil von 42,9 Prozent. Als Kinder zählt der Zensus dabei ledige Söhne und Töchter im Haushalt, unabhängig von ihrem Alter.
Unter allen 400 Landkreisen und kreisfreien Städten in Deutschland ist das der höchste Wert. Dahinter folgen Halle (Saale) mit 41,6 Prozent, Frankfurt (Oder) mit 40,7 Prozent, Schwerin mit 40,2 Prozent und Rostock mit 39,7 Prozent. Am niedrigsten ist der Anteil in ländlichen Kreisen in Süddeutschland, etwa im bayerischen Eichstätt mit 17,2 Prozent.
Im Land Brandenburg liegt der Anteil bei 31,6 Prozent, bundesweit bei 25,7 Prozent. In der Region kommt Oberspreewald-Lausitz auf 34,2 Prozent, Spree-Neiße auf 32,7 Prozent, Elbe-Elster auf 32,5 Prozent und Dahme-Spreewald auf 29,5 Prozent. Insgesamt liegen die Werte im Osten deutlich höher. Die Kreise und kreisfreien Städte in Ostdeutschland einschließlich Berlin kommen im Mittel auf 32,1 Prozent, die im Westen auf 24,0 Prozent.
Wo Alleinerziehende in Cottbus besonders häufig leben
Die Zahl stammt laut Bericht aus Auswertungen des Zensus 2022. Besonders hohe Anteile gibt es demnach in den Ortsteilen Sandow und Schmellwitz. Außerdem bezogen Ende 2025 nach Angaben der Agentur für Arbeit 869 Bedarfsgemeinschaften von Alleinerziehenden Bürgergeld. Als Bedarfsgemeinschaft gelten die Menschen eines Haushalts, die gemeinsam Leistungen erhalten. Bundesweit sind laut Statistischem Bundesamt 84,4 Prozent der Alleinerziehenden Frauen.
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Die Arbeit für Alleinerziehende in Cottbus sei deshalb keine Randaufgabe, sagte Erdmann. Auf ihre Initiative arbeitet die Arbeitsgruppe „Unterstützung für Cottbuser Alleinerziehende“ wieder. Sie war vor der Corona-Pandemie im Frauenzentrum Cottbus angesiedelt. Mit dabei sind unter anderem der Alleinerziehendenverband SHIA, das Jugendamt, die Agentur für Arbeit, das Jobcenter, das Netzwerk Gesunde Kinder und das Frauenzentrum. Die Gruppe soll zunächst Daten darüber zusammentragen, wie Alleinerziehende in Cottbus leben. Daraus sollen Handlungsempfehlungen entstehen.
Was sich Alleinerziehende in Cottbus wünschen, hat SHIA beim Kinder- und Familienfest am 31. August 2025 erfragt. Genannt wurden gemeinsame Sport- und Freizeitangebote für Eltern und Kinder, Gewaltprävention an Schulen, regelmäßige Angebote am Wochenende und der Austausch untereinander. Gefragt ist zudem eine flexible Kinderbetreuung außerhalb der Kita-Öffnungszeiten, etwa für Behördentermine. Im Jugendhilfeausschuss unterstützte Erdmann außerdem eine Forderung des Verbands alleinerziehender Mütter und Väter (VAMV) in Brandenburg: Jedes öffentlich geförderte Familienzentrum und Mehrgenerationenhaus sollte mindestens einmal im Monat ein eigenes Angebot für Alleinerziehende machen.
Wanderungssaldo von Cottbus und die Lage junger Frauen
In ihrem Vortrag stützte sich Erdmann zusätzlich auf den Gleichstellungsdatenreport Brandenburg 2025, der im Juli 2026 erschienen ist. Danach reicht bei rund der Hälfte der abhängig beschäftigten Frauen im Land das Monatseinkommen nicht aus, um langfristig eine eigenständige Existenz zu sichern. Bei Männern betrifft das knapp zwei Fünftel. Das höchste Armutsrisiko tragen nach ihren Worten Alleinerziehende.
Zudem kommen in Brandenburg bei den 18- bis 29-Jährigen laut Statistischem Bundesamt 1.161 Männer auf 1.000 Frauen. Als Gründe für die Abwanderung junger Frauen nenne die Bundesregierung unter anderem Ausbildungs-, Studien- und Arbeitsmöglichkeiten sowie die Lebensbedingungen, sagte Erdmann. Gleichstellung gehöre für sie deshalb in die Strukturpolitik. Im Berichtsjahr war sie brandenburgische Sprecherin des Bündnisses Gleichstellung Lausitz, das sich für einen geschlechtergerechten Strukturwandel einsetzt (zuletzt forderte das Bündnis einen Gleichstellungs-Check).
Als positive Entwicklung hob Erdmann hervor, dass Cottbus zwischen 2022 und 2025 zu den zehn ostdeutschen Landkreisen und kreisfreien Städten mit dem stärksten Anstieg des Wanderungssaldos gehört. Der Wanderungssaldo ist die Differenz aus Zuzügen und Fortzügen. Allerdings handle es sich um den allgemeinen Wert und nicht um den junger Frauen, schränkte sie ein. Trotzdem zeige die Entwicklung, dass Cottbus Menschen gewinnen kann.
Frauenwochen, Equal Pay Day und Orange Days in Cottbus
Während der 35. Brandenburgischen Frauenwochen gab es 2025 in Cottbus 35 Veranstaltungen mit rund 860 Teilnehmenden. Als Höhepunkt nennt der Bericht den Equal Pay Day (Aktionstag für gleiche Bezahlung) am 7. März 2025 im Blechen Carré (wir berichteten). Er macht auf den Gender Pay Gap (Lohnlücke zwischen Frauen und Männern) aufmerksam. Für Cottbus gibt es dazu laut Bericht keine amtlichen Daten. Bundesweit verdienten Frauen 2025 demnach pro Stunde durchschnittlich 16 Prozent weniger als Männer, in Brandenburg waren es 4 Prozent.
Zu den Orange Days, einer UN-Kampagne gegen Gewalt an Frauen, wurde am 25. November 2025 vor der Stadthalle die Fahne „Nein zu Gewalt“ gehisst. Es folgten eine Informationsveranstaltung im Blechen Carré, ein Selbstbehauptungsworkshop und drei Selbstverteidigungskurse für Mädchen im Frauenzentrum. Außerdem organisierte Erdmann sieben interfraktionelle Frauenstammtische. Die daraus entstandene Reihe „Cottbuserinnen on Tour“ soll wegen der hohen Nachfrage 2026 weiterlaufen.
Neuer Gleichstellungsplan für die Stadtverwaltung Cottbus
Innerhalb der Verwaltung nahm die Gleichstellungsbeauftragte 2025 an 65 Auswahlgesprächen für Stellenbesetzungen teil. Fünf Beschäftigte begleitete sie, weil sie wegen ihres Geschlechts oder ihrer sexuellen Identität benachteiligt worden waren. Zehn weitere Personen beriet sie zum Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz. Der fortgeschriebene Gleichstellungsplan der Stadtverwaltung soll 2026 in Kraft treten. Gegen sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz hängen Informationsplakate in den Verwaltungsgebäuden, 2026 sollen Workshops und Fachvorträge folgen.
In der Aussprache fragte ein Stadtverordneter, ob Erdmann auch für Männer zuständig sei. Sie sei beauftragt, die Gleichstellung von Frauen und Männern voranzutreiben, antwortete sie. Nach den größten strukturellen Defiziten gefragt, nannte sie Frauen in der Kommunalpolitik, die häufigere Teilzeitarbeit von Frauen und die Verteilung der Sorgearbeit.
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