Es ist ein Anfang, wenn auch ein Kleiner. In Cottbus sinkt die Zahl der niedergelassenen Ärzte seit Jahren – trotz stabiler Einwohnerzahl. Erste Maßnahmen des städtischen Förderprogramms greifen nun: Zwei Allgemeinmedizinerinnen sollen noch 2026 ihre Tätigkeit in einem neuen Medizinischen Versorgungszentrum in der Innenstadt aufnehmen und ein Handchirurg konnte angeworben werden, wie Oberbürgermeister Tobias Schick vor der Stadtverordnetenversammlung am 25. März erklärte.
Zahl der Praxisärzte in Cottbus sinkt seit Jahren
Die Zahlen der Landesärztekammer Brandenburg belegen den Trend deutlich. Im Jahr 2015 praktizierten in Cottbus noch 218 niedergelassene Ärztinnen und Ärzte in eigenen Praxen. Bis Ende 2025 sank diese Zahl laut Kammerstatistik auf 168 – ein Rückgang um rund 23 Prozent in zehn Jahren. Gleichzeitig blieb die Einwohnerzahl der Stadt nach amtlicher Fortschreibung des Amtes für Statistik Berlin-Brandenburg weitgehend stabil bei rund 100.000.
Das bedeutet konkret: 2015 kamen rund 455 Cottbuserinnen und Cottbuser auf eine niedergelassene Ärztin oder einen Arzt. Heute sind es rund 595. Die Ärzteversorgung Cottbus hat sich damit um gut 30 Prozent verschlechtert – ohne dass die Bevölkerung gewachsen wäre.
Besonders markant war der Rückgang zwischen 2019 und 2020: Die Zahl der Praxisärzte fiel innerhalb eines Jahres von 222 auf 191. Seither trat keine Erholung ein. Zwischen 2022 und 2025 sank sie weiter von 189 auf 168. Schick sprach im April 2025 von einem „Damoklesschwert“: Der nahende Ruhestand vieler Hausärzte bedrohe die Versorgung der Stadt.
Die Gesamtzahl der in Cottbus tätigen Ärztinnen und Ärzte stieg laut Kammerstatistik von 687 (2015) auf 803 (2025). Der Zuwachs entfiel dabei nahezu vollständig auf angestellte Stellen im Krankenhaus, Kliniken und weiteren medizinischen Einrichtungen. Die hausärztliche Versorgung vor Ort profitierte davon nicht.
Zwei Ärztinnen kehren aus dem Ruhestand zurück
Einen ersten konkreten Fortschritt meldete OB Schick in der Sitzung der Stadtverordnetenversammlung vom 25. März 2026. Zwei Allgemeinmedizinerinnen sollen demnach per Anstellung in einem Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ) in der Cottbuser Innenstadt wieder praktizieren. Nach Angaben der Stadtpressestelle soll die erste Ärztin voraussichtlich im April ihre Tätigkeit aufnehmen, die zweite voraussichtlich im Spätsommer 2026.
Den genauen Standort des MVZ kommuniziert die Stadt bewusst noch nicht. Laut Stadtpressestelle soll vermieden werden, dass das Zentrum vor Abschluss der Vorbereitungen überrannt wird. Wer jetzt einen neuen Hausarzt sucht, erreicht die Vermittlung über die Kassenärztliche Vereinigung Brandenburg oder die bundesweite Rufnummer 116 117.
Das Ziel ist laut Stadtpressestelle ein zusätzliches Angebot für Patientinnen und Patienten – also neue Kapazitäten für die Ärzteversorgung Cottbus, keine bloße Übernahme vorhandener Karteien. Die Praxis erhält Unterstützung bei der Digitalisierung, damit sich die Ärztinnen voll auf ihre Patienten konzentrieren können.
Stadtprogramm mit bis zu 300.000 Euro im Jahr
Die Rückkehr der beiden Ärztinnen ist Teil eines umfassenderen Programms, das die Stadt Cottbus im April 2025 initiiert hatte. Schick holte damals verschiedene Partner an einen Tisch: die Medizinische Universität Lausitz – Carl Thiem (MUL CT), die Sparkasse Spree-Neiße sowie die Kassenärztliche Vereinigung Brandenburg. Zudem nahmen Vertreter der Ärzteschaft, der Landkreis Spree-Neiße, Landtagsabgeordnete und die Staatskanzlei teil.
Aus dem städtischen Haushalt stehen laut Programmbeschluss zwischen 200.000 und 300.000 Euro jährlich bereit. Das Geld fördert unter anderem die Digitalisierung von Praxen und federt finanzielle Risiken bei Neugründungen oder Übernahmen ab. Zudem sollen ältere Ärztinnen und Ärzte tage- oder stundenweise in Praxisgemeinschaften tätig sein können. Erleichterte Kreditzugänge für Praxiserweiterungen gehören ebenfalls zum Konzept.
Geprüft wird zudem, ob durch zusätzliche Sprachkurse und Praktika im Gesundheitsamt der Berufseinstieg ausländischer Medizinerinnen und Mediziner erleichtert werden kann. OB Schick hatte das Land Brandenburg außerdem aufgefordert zu prüfen, ob Tourismusfördermittel für die Ärzteansiedlung umgewidmet werden können.
Parallel dazu soll das Verbundsystem für die Gesundheitsversorgung wachsen. Geplant sind Sanierungen kommunaler Ärztehäuser, Grundstücke für private Versorgungszentren sowie eine zentrale Terminvergabe mit interaktiver Ärzteübersicht. Letztere entsteht gemeinsam mit der MUL CT.
Handchirurg und weitere Schritte in der Versorgung
Neben den Allgemeinmedizinerinnen berichtete Schick, dass die Verträge mit einem Handchirurgen bereits unterzeichnet sind. Wann und wo dieser seine Tätigkeit aufnimmt, nennt die Stadt noch nicht. Den Zeitpunkt für den öffentlichen Auftritt bestimmt der Arzt selbst.
Zudem führt die Stadt laut OB-Bericht Gespräche mit mehreren Zahnärztinnen und Zahnärzten, um Versorgungslücken in diesem Bereich zu verhindern. Konkrete Ergebnisse teilte Schick noch nicht mit. Mit dem Aufbau der Medizinischen Universität Lausitz setzt die Stadt langfristig darauf, dass Absolventinnen und Absolventen dauerhaft in der Region bleiben.
Jeder vierte Arzt in Cottbus ist über 60 Jahre alt
Die Altersstruktur der Cottbuser Ärzteschaft belegt die Dringlichkeit des Programms zusätzlich. Laut Landesärztekammer Brandenburg waren Ende 2025 insgesamt 205 der 803 in Cottbus tätigen Ärztinnen und Ärzte 60 Jahre oder älter – damit ist es jeder Vierte. Zehn Jahre zuvor war es nur jeder Achte: 90 von damals 687 Ärzten gehörten zur Altersgruppe 60 plus.
Besonders deutlich zeigt sich der Wandel in der Gruppe der 60- bis 65-Jährigen. Sie wuchs von 67 (2015) auf 113 (2020) und zuletzt auf 131 (2025). Noch auffälliger ist die Gruppe der über 65-Jährigen: Sie stieg von 23 im Jahr 2015 auf heute 74. Viele dieser Ärztinnen und Ärzte praktizieren also weit über das reguläre Rentenalter hinaus – ein stilles Puffer, der sich zunehmend auflöst.
Gleichzeitig schrumpft die Gruppe, die nachrücken müsste. Die 50- bis 59-Jährigen – jene, die in den kommenden Jahren das Rentenalter erreichen – sank von 228 (2015) auf 160 (2025). Rein rechnerisch könnten in den nächsten zehn bis fünfzehn Jahren rund 365 Ärztinnen und Ärzte in Rente gehen. Das wäre fast die Hälfte des gesamten Cottbuser Bestands.
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