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Niederlausitz Montag, 14 März 2016 von Benjamin Andriske

Tausende Unternehmen in Südbrandenburg brauchen Nachfolger

Tausende Unternehmen in Südbrandenburg brauchen Nachfolger

7.700 Unternehmen bis etwa 2025. Das ist die Anzahl in denen der Firmenchef über 60 ist, eher schon an die 70 ran und potentiell für Nachfolgeregelungen in Betracht kommen. "Dazu muss der Unternehmer aber erst einmal zu der Erkenntnis kommen, den Prozess der eigenen Nachfolge anzustoßen. Das beginnt mit dem eigenen Alter, der Verantwortung für Mitarbeiter und den Betrieb an sich." sagt Bernd Hahn, Fachbereichsleiter Existenzgründung und Unternehmensförderung bei der IHK Cottbus und ergänzt: "Allein diese Gedanken brauchen oft ein bis anderthalb Jahre." In einer Region, die vor einem wirtschaftlichen Wandel steht ist die Nachfolgeregelung für bestehende Unternehmen eine Chance und birgt doch viele Fallstricke. Dazu haben wir uns mit Bernd Hahn unterhalten.

Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten für eine Unternehmensübergabe. Soll ein Nachfolger aufgebaut werden oder ein Teilhabe? Soll das ganze Unternehmen verkauft werden oder nur ein Teil? Kommt jemand aus der Familie oder aus dem Unternehmen in Frage? Wenn das Unternehmen mit der Rente nicht abgewickelt werden soll, sind das die ersten Fragen die sich ein Inhaber stellt.

In Südbrandenburg sind Unternehmen aller Branchen und Größen darunter, vom klassischen Einzelhändler und kleinen Gastronomen bis hin zum Mittelständler mit 15 – 100 Mitarbeitern und darüber hinaus.

"Bis zur schlüsselfertigen Übergabe an einen Nachfolger vergehen auch gerne bis zu fünf Jahre. Es muss schon viel glatt laufen, damit es in der Zeitspanne über die Bühne geht." spricht Bernd Hahn aus seiner Erfahrung. Wichtig sei auch der klare Schnitt im Unternehmen. "Ein Senior- und eine Juniorchef in einem Unternehmen können zu Reibereien führen, da sich Mitarbeiter manchmal weiter an den Seniorchef halten und Neuerungen oder Veränderungen ignorieren." Eine Zeit lang muss ein Nachfolger aufgebaut und Kunden über die Veränderung informiert werden, um dann loslassen zu können. "Da treffen mittlerweile zwei unterschiedliche Welten aufeinander. Der eine ist papierorientiert und der andere in der digitalen Welt unterwegs. Allein das kann in der Belegschaft schon gemischt ankommen, wenn man Dinge jahrelang gewohnt ist und nun zwei Chefs da sind. Das gilt für Logistikprozesse genauso wie für die Produktion."

Wie ist die Lage von potentiellen Firmennachfolgern und Übernahmekandidaten?

"Schwierig. Wir haben eine gute konjunkturelle Lage mit vielen Jobs. Da bekomme ich pünktlich mein Gehalt, muss mich nicht darum kümmern neue Aufträge heranzuholen und habe nicht die Verantwortung für Löhne und Gehälter", konstatiert Bernd Hahn, "diese über 7.000 Unternehmen sind diejenigen, die sich heute Gedanken über eine Nachfolge machen müssten, in der Realität gestaltet sich auch die Seite kompliziert. Es werden mehr, aber es sind gemessen an der Gesamtanzahl viel zu wenige, die sich melden und Interesse bekunden." Das Verhältnis zwischen Übernehmern und Übergebern hat sich gedreht. Früher gab es mehr Interessenten als Unternehmen, heute ist es umgedreht. Dadurch kommt es gehäuft zu Unternehmensabwicklungen, Bernd Hahn betont aber auch dass nicht jedes Unternehmen übernahmefähig ist. Denn manchmal reicht zum Beispiel der Gewinn des Unternehmens zum Überleben kaum aus, es muss mit einem neuen Konzept komplett neu aufgestellt werden und lediglich die Marke bleibt erhalten. "Da sagen einige Gründungswillige, dass sie lieber ganz neu anfangen."

Für Rückkehrer kann die Übernahmelage in Südbrandenburg eine Chance sein, wieder in die Region zu kommen. Aber das hängt von bestehenden Verpflichtungen und der Risikobereitschaft ab. "Jeder muss sich bewusst sein, dass die Selbstständigkeit selten mit einer 40 Stunden-Woche vereinbar ist, sechs Wochen Urlaubsanspruch besteht und ein Risiko eingegangen werden muss. Wer sich das zutraut, hat hier gute Möglichkeiten sich zu verwirklichen."

Eine Übernahme ist immer mit einer Existenzgründung gleichzusetzen. Es muss nicht immer eine Neugründung sein, aber viele haben Bedenken, etwas Bestehendes zu übernehmen. "Es ist ja nicht meins" ist die häufigste Antwort von Gründern, wenn es um eine Nachfolgeoption geht. "Es ist schwer einen Gründer davon zu überzeugen, in einem bestehenden Unternehmen einen eigenen Stil einzubringen und seinen Fußabdruck zu hinterlassen. Da spielt Psychologie eine große Rolle, aber das Thema wird mittlerweile regelmäßig angesprochen, da der Bedarf ja da ist und es viele gute Unternehmen mit bestehendem Kundenstamm gibt", gibt Bernd Hahn einen Einblick in seine Arbeit.

Die IHK hat ein Unternehmernachfolgehandbuch entwickelt, um Fragen rund um die Nachfolge für Unternehmer zu beantworten. Auf der Nachfolgebörse nexxt-change können sich sowohl Übernahmeinteressierte als auch Unternehmen eintragen und sich verkuppeln lassen. Die IHK sortiert die Anfragen und setzt sich mit den jeweiligen Partnern zusammen.

Bernd Hahn, Fachbereichsleiter für Exixtenzgründung und Unternehmensförderung ist bei der IHK in Cottbus unter 0355 – 365 1400 oder Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! erreichbar.

Wir beschäftigen uns in den nächsten Wochen mit Nachfolgebeispielen aus der Lausitz, sowohl durch die eigene Familie als auch externe Interessenten.

Foto: Herr Hahn von der IHK Cottbus berät zur Unternehmensnachfolge

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