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Cottbus Montag, 27 Januar 2020 von Georg Zielonkowski

40 Jahre lang half Fernseh-Merz bei Fernseh-Schmerz

40 Jahre lang half Fernseh-Merz bei Fernseh-Schmerz

Handwerksmeister Dieter Merz ist über Jahrzehnte in Cottbus und Umgebung bestens bekannt und geachtet. Darum durfte sich der beliebte Fernseh-Mechaniker beim Neujahrsempfang 2019 ins Goldene Buch der Stadt Cottbus eintragen. Besitzt dieser Mann doch die Gabe, des Deutschen liebstes Kind, den Fernsehapparat gesund zu machen. Nicht ohne Grund hatte der heute 78-jährige frühzeitig einen treffenden Werbespruch ausgewählt, der sein umtriebiges wirken prima beschreibt: „Bei Fernseh-Schmerz hilft Fernseh-Merz“.

Im „Niederlausitz aktuell“-Interview blickt der Handwerksmeister kurz nach seiner Geschäftsaufgabe auf seine lange Zeit als Dienstleister zurück …

 

 

Der Fernsehapparat im Wohnzimmer war ja für die Leute damals der einzig mögliche Blick „nach drüben“. War es gerade auch deshalb wichtig, den Kunden schnell zu helfen?

Natürlich habe ich mich stets bemüht, die Flimmerkisten der Leute möglichst schnell wieder fit zu kriegen. Speziell rund um die Festtage war ich sehr gefragt. So war ich beinahe in jedem Jahr auch am Heiligen Abend bis 16.00 Uhr bei den Kunden unterwegs, in Ausnahmen bin ich zu Familien mit Kindern auch noch am 1.Feiertag gefahren, um zu helfen.

Die politische Wende 1989 bescherte auch eine geschäftliche Wende in Ihrer Branche. Wie schwer war der Einstieg in die völlig andere Technik?

Zum Umstieg gehörten zunächst Informationsveranstaltungen und Lehrgänge. In Sachen Elektronik hatte der Westen die Nase doch recht weit vorn. Doch haben wir Ostler in diesem Rahmen viel Respekt geerntet, weil es bei uns eben üblich war, den Fehler bis hinein ins Bauteil zu suchen und zu finden. Drüben wurden schon damals vorwiegend komplette Leiterplatten gewechselt.

Ich erinnere mich an ganz frühere Tage, als Sie hier in Groß Gaglow Ihre Werkstatt hatten und dann hier auch die ersten „West-Fernseher“ zum Kauf angeboten haben …

Ein Wahnsinn war das damals, die Leute haben in Dreierreihen die Straße entlang gestanden, um hier ihre Fernseher zu kaufen. Dennoch lief das Reparaturgeschäft weiter. Später habe ich einen Laden mit Werkstatt im Hochhaus Thiemstraße eröffnet, weitere Geschäfte kamen in der Schmellwitzer Zuschka, im Lausitz Park und in der Stadtpromenade dazu. Damals waren wir knapp 20 Leute, die alle gut zu tun hatten. Nach und nach habe ich dann aber aus sehr unterschiedlichen Gründen die Stationen abgegeben. Ab 2004 gab es nur noch die Werkstatt in der Stadtpromenade, in der ich bis zur endgültigen Aufgabe in diesem Jahr allein gearbeitet habe.

Fernseh Merz aus Cottbus

Wie schwer war es vor wenigen Wochen, ein letztes Mal die Werkstatt-Tür abzuschließen?

Es war ein ganz merkwürdiges Gefühl. Ich war ja in meinen 58 Berufsjahren über 40 Jahre selbstständig und für mich, meine Familie sowie für meine Mitarbeiter verantwortlich. Mit einem Achtstundentag war es nie oder nur ganz selten getan. Aber ich habe mich immer eher als ein Helfer, als den reinen Geschäftsmann gesehen. Dann kam der letzte Tag und der war zwar schlimm, aber weit bedrückender waren die Wochen davor, als ich von der Werkstatt bis hin zum Lager alles entsorgt habe. Dabei habe ich mich ein ums andere Mal daran erinnert, wie schwierig es einst war, diese Teile oder manches Hilfsmittel für die Werkstattarbeit zu beschaffen. Und nun wanderte alles auf den Müll, denn einen Nachfolger hatte ich trotz aller Mühen nicht finden können.

Vieleicht deshalb, weil die TV-Fachleute heute doch mehr Händler als Reparateure sind?

Nun, es wir schon noch repariert. Aber man muss dabei dies bedenken, dass die Fehlersucher samt dem Wechsel von Bauteilen Zeit kosten. Wenn man nach dem Finden des Fehlers erkennt, dass nur ein Wechsel der Baugruppe hilft, die ihren Preis schon mal bis 250 Euro hat, dann wollen die meisten Kunden eher ein neues Gerät kaufen. Insofern wird der Monteur zum Händler, das stimmt dann wohl.

Fernsehapparate werden heute ständig größer …

Ich meine schon, dass ein Fernsehapparat nicht das Wohnzimmer derart dominieren sollte, dass man beim Eintritt ins Zimmer von einem solchen Riesenteil erschlagen wird und die schöne Couchgarnitur oder auch die liebevolle Dekoration völlig übersieht. Wenn es die Wohnung hergibt würde ich empfehlen, ein Zimmer als exklusiven Fernsehraum herzurichten, in dem der Bildschirm dann auch schon mal deutlich höher über dem sonstigen Grenzwert von 55 Zoll liegen kann. Aber im Normalfall gibt das eine Wohnung nicht her.

Sie sind nicht nur als begeisterter Fan des FC Energie Cottbus bekannt, Sie hinterlassen ja seit Jahrzehnten dort ihre auch beruflichen Spuren …

Mein Sponsoring ist seit Jahren praktischer Natur. Im Trainerzimmer und im Beratungsraum stehen Fernsehapparate von mir, auch die VIP-Räume wurden von mir ausgestattet. Stolz bin ich darauf, dass die ganze Reihe meiner Geräte auf der Pressetribüne seit knapp 20 Jahren immer noch ihren Dienst tun. Es sind Geräte aus den 90er Jahren, die auch bei zehn Grad minus noch funktionieren.

So allmählich steuern Sie auf den markanten Punkt des 80.Geburtstag zu. Schon heute können Sie aber auf all die Jahre zurückblicken, die von Ihrem Fleiß geprägt waren. Aber auch von manch traurigem Ereignis. Wie haben Sie es geschafft, sich immer wieder aufzurappeln?

Vielleicht ist es meine Mentalität, nie zu verzagen. Schauen Sie, ich habe nach wirklich langer und schwerster Krankheit vor acht Jahren meine liebe Frau Eva verloren, nachdem ich für Sie größere Umbauarbeiten an unserem Haus vorgenommen hatte, um alles rollstuhlgerecht zu haben. Ihr Tod war auch deshalb so schwer zu ertragen, weil sie ja über Jahre in meinem Geschäft die gute Fee war und ein Organisationstalent vor dem Herrn war. Meine vier Bandscheibenvorfälle waren dagegen nur halb so schlimm. Ja und dann hatte ich ja vor genau einem Jahr einen ganz schweren Autounfall, nach dem mir ein Polizist, als der mein Auto sah, nicht glauben wollte, dass ich da lebend herausgekommen bin. Aber ich habe nie aufgegeben und immer nach vor geschaut. Was mir mit Hilfe meiner neuen Partnerin Barbara auch gut gelingt. Wichtig ist mir ein Ritual. Bis heute gehe ich jeden Sonntag um 8.00 Uhr aus dem Haus, um zwei Stunden altersgerechtes Tennis zu spielen.

Abschließend will ich an dieser Stelle meiner treuen Kundschaft für das jahrelange Vertrauen Danke sagen und jedem Einzelnen alles erdenklich Gute wünschen!

Das Interview führte Georg Zielonkowski

Bild: Georg Zielonkowski

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