Brandenburg Mittwoch, 25 November 2020 von Redaktion

Gewalt gegen Frauen in Brandenburg nimmt zu. Dunkelziffer vermutlich noch höher

Gewalt gegen Frauen in Brandenburg nimmt zu. Dunkelziffer vermutlich noch höher

Der heutige internationale Tag "Gegen Gewalt an Frauen" soll Frauen einerseits ermutigen, über das Erlebte zu sprechen und auf die Problematik ansich aufmerksam machen, denn Frauen erfahren laut Polizei deutlich häufiger häusliche Gewalt als Männer und rund ein Drittel aller Frauen hat schon einmal Gewalt in einer Beziehung erlebt. Während der ersten Lockdownphase aufgrund der Coronanvirus-Pandemie stiegen die gemeldeten Fälle häuslicher Gewalt in Brandenburg im Vergleich zum Vorjahr um 22 Prozent an, in den letzten Jahren waren sie rückläufig. Darüber hinaus ist mit einer hohen Dunkelziffer nicht angezeigter Fälle zu rechnen. In Brandenburg gibt es derzeit nur 286 Plätze für schutzbedürftige Frauen und ihre Kinder. Ein Übereinkommen des Europarats fordert einen Familienplatz pro 10.000 Einwohner, was 625 Plätze für Brandenburg wären. Allein im letzten Jahr waren bundesweit 115.000 Frauen von Partnerschaftsgewalt betroffen. Durchschnittlich jeden Tag versucht in Deutschland ein Mann seine (Ex)Partnerin zu töten, jeder dritte Versuch endet tödlich.

Häusliche Gewalt in Brandenburg 2020 nimmt zu

Wie die Polizei Brandenburg berichtet, wurden zwischen März und Juli 2020 1.840 Fälle häuslicher Gewalt erfasst und damit 22 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Im vergangenen Jahr waren die Zahlen erfasster Fälle von häuslicher Gewalt in Brandenburg leicht rückläufig (2018: 4.361 Fälle; 2019: 4.184 Fälle). Mehr als 70 Prozent der Opfer häuslicher Gewalt waren Frauen. Man geht allerdings davon aus, dass die offizielle Statistik das gesamte Ausmaß an Gewalt gegen Frauen nicht widerspiegelt und rechnet mit einer hohen Dunkelziffer.

Das Brandenburgische Polizeigesetz bietet den Beamten verschiedene Möglichkeiten häusliche Gewalt zu unterbinden. Frei nach dem Motto: „Wer schlägt, der geht!“ können so z.B. Platzverweise, Aufenthaltsverbote, Wohnungsverweisungen und Rückkehrverbote für 10 Tage zum Schutz der Betroffenen ausgesprochen werden.

Derzeit stehen in Brandenburg 286 Plätze in 127 Räumen für schutzbedürftige Frauen und ihre Kinder zur Verfügung. Die Istanbul-Konvention, das Übereinkommen des Europarats zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häusliche Gewalt, hält ein weitaus größeres Angebot für angemessen. So soll pro 10.000 Einwohnerinnen 1 Familienplatz (= 2,6 Plätze) zur Verfügung stehen. Für Brandenburg wäre laut Konvention somit ein Angebot von 625 Plätzen in 250 Räumen erforderlich. Zudem hat sich die Zahl der Kinder in den Schutzräumen deutlich erhöht.

Unterstützung und Hilfe

Opfer von häuslicher Gewalt bekommen bekommen unter anderem beim Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen unter der 08000 116 016 oder bei den Opferschutzbeauftragten der Polizei Unterstütung.

Frauenministerin Ursula Nonnemacher: „Mit dem heutigen Tag zeigen wir: Gewalt an Frauen ist keine Privatsache. Besonders schockiert haben mich in diesem Jahr gleich mehrere Femizide – Frauenmorde während der Zeit des Lockdowns in Brandenburg. Wir wissen noch nicht abschließend, ob durch Corona und die vermehrte Isolation auch die häusliche Gewalt gestiegen ist. Erste wissenschaftliche Untersuchungen legen das allerdings nahe. Klar ist, Corona hat die Schwachstellen im Hilfesystem schonungslos aufgedeckt“.

Landesgleichstellungsbeauftragte Manuela Dörnenburg: „Gewalt an Frauen muss raus aus der Tabu-Ecke. Brandenburg braucht ein politisches Gesamtkonzept mit handlungsfähigen Institutionen und den notwendigen Ressourcen. Das ist Voraussetzung um Frauen und Mädchen noch besser vor Gewalt zu schützen. Die Umsetzung der Istanbul Konvention ist eine wichtige Voraussetzung dafür“.

„Es bedarf dringend eines bundesgesetzlich festgeschriebenen Anspruchs für jede betroffene Frau auf unkomplizierten, schnellen Zugang zu Hilfsangeboten. Unterstützung muss für alle Frauen zugänglich sein, unkompliziert, barrierefrei, ohne sprachliche Hürden. Ich begrüße darum, dass uns mit dem Bundesprogramm ‚Gemeinsam gegen Gewalt an Frauen‘ in den kommenden vier Jahren jeweils rund 860.000 Euro für den Aus- und Neubau von Schutzräumen zur Verfügung stehen“, so Nonnemacher.

Jeden Tag ein Tötungsversuch in (Ex-)Beziehungen

Allein im letzten Jahr waren bundesweit 115.000 Frauen von Partnerschaftsgewalt betroffen. Durchschnittlich jeden Tag versucht in Deutschland ein Mann seine (Ex)Partnerin zu töten, jeder dritte Versuch endet tödlich. Laut „Lagebild Häusliche Gewalt 2019“ des Landeskriminalamtes Brandenburg sind die Straftaten gegen Frauen im vergangenen Jahr in Brandenburg auf 3008 Fälle leicht zurückgegangen (2018: 3131). Hauptursache für den Rückgang 2019 sind die gesunkenen Körperverletzungsdelikte. Dagegen nahmen die Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung um gut 9 Prozent auf 192 Fälle zu.

1999 haben die Vereinten Nationen den 25. November zum „Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen“ erklärt. Auslöser war der Fall der drei Schwestern Mirabal, die 1960 in der Dominikanischen Republik wegen ihres Widerstandes gegen Diktator Rafael Trujillo vom Militär verschleppt und ermordet wurden. Bundesweit wird seit dem 25. November 2001 in vielen Städten und Gemeinden mit Flaggen auf den gesellschaftlichen Missstand aufmerksam gemacht.

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