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Cottbus Donnerstag, 17 August 2017 16:22 |  von (Leserreporter)

Gesehen im Staatstheater Cottbus. WOZZECK

Gesehen im Staatstheater Cottbus. WOZZECK

Wer „Wozzeck“ hört, meint „Woyzeck“ zu verstehen - und liegt damit richtig und falsch zugleich. Alban Berg (*1885) sah Büchners unvollendetes Drama 1914 in Wien und begann bald darauf mit einer musikalischen Umsetzung. Diese allerdings verwendet nicht Georg Büchners Originaltexte sondern eine stark veränderte Fassung von Karl Emil Franzos, bereits unter dem Titel „Wozzeck“.

Erst zwei Jahre nach Beginn der Arbeit an seiner Oper erfuhr Berg, dass seine Textquelle durchaus kritisch zu betrachten sei, doch erst nach weiteren zwei Jahren lagen ihm nah an Büchner orientierte Fassungen vor. Die Oper war zu diesem Zeitpunkt nahezu fertig und durch die enge Verbindung von Musik und Text nur schwer zu ändern. Alban Bergs Medium war die Musik, und so entschloss er sich, in den Franzos-Texten fehlende Aspekte des Dramas mit musikalischen Mitteln hinzuzufügen - und zur Kenntlichmachung seiner Bezugsquelle den Titel „Wozzeck“ zu übernehmen.

Im Ergebnis steht ein außerordentliches Stück Musik, das allein wegen dieser Komposition bereits jede Empfehlung verdient. In Cottbus nahmen sich ausgesuchte Könner des Werkes an und schufen ein Erlebnis der Sonderklasse.

Die Wienerinnen Christiane Lutz (Regie) und Natascha Marval (Bühne, Kostüme), Ring-Award-Finalisten 2014, verstärkten in Bild und Ausdruck nochmals die bereits von Büchner gestellten Fragen zwischen Verantwortung und Fortschritt, Not und Erniedrigung, Pflicht und Schuld.

Evan Christ (musikalische Leitung) setzt mit dem Philharmonischen Orchester die phasenweise fabelhaft irre erscheinenden Musik in großartiger Weise um. Zu laut allerdings für die gesprochenen Worte von Marie (Gesine Forberger) und Margret (Carola Fischer), und auch sonst hätte etwas Mäßigung im Graben es den Sängern leichter gemacht.

Den eindrucksvollsten Part des Abends liefert Dirk Kleinke gleich zu Beginn und mit jedem seiner Auftritte. Sein Hauptmann ist bei weitem nicht die Hauptrolle, Dirk Kleinke spielt seine Figur auch nicht im Mindesten in den Vordergrund, dafür jedoch gesanglich absolut eindrucksvoll und darstellerisch auf den Punkt. Das geht kaum besser.

Da rückt selbst Wozzeck, Andreas Jäpel, anfangs in den Hintergrund. Szenisch so gewollt, doch lassen Regie und Jäpel eben Kleinke auch den Raum, das Beste zu zeigen. Ein Umstand, der sich im Übrigen als roter Faden durch die Inszenierung zieht. Jede Rolle ist wichtig, jede mit Bedacht gestaltet, und jede Sängerin, jeder Sänger hat den richtigen Spielraum, das eigene Können hinein zu legen.

Natürlich kommen dieser Stückanlage die hohe Spielfreude und die hohe darstellerische Kompetenz des Cottbuser Ensembles sehr entgegen. Zu diesem zählt, hier kurz im Einsatz, dann jedoch sehr prägnant - und auch einige Nebenrollen gestaltend - der Opernchor, perfekt einstudiert von Christian Möbius.

Das reduziert, großartige Bühnenbild und die Ausstattung, funktioneller Minimalismus, teils mit überblendeten, nie aber überlagernden Projektionen, geben dem Ganzen die ideale Umgebung.

Bereits erwähnt ist die Musik, die mich oft an Siegfried Matthus´ „Cosima“ erinnert (wobei rein zeitlich gesehen, der Zusammenhang nur andersherum sein kann). Für Orchester und Sänger eine Herausforderung - auch für einige der Zuhörer, man sieht es ihnen an. Aus meiner Sicht einfach nur faszinierend und zum Stoff so disharmonisch passend und damit so perfekt - wie auch die klangliche Umsetzung. Mit genannter, dynamischer Einschränkung allerdings; gut, dass kaum jemanden gibt, der die Handlung nicht kennt, denn aus der Verständlichkeit der Texte konnte sie sich nicht erschließen.

Insgesamt jedoch entstand ein Stück, dem der Titel „Das besondere Opernereignis“ gebührt. Mutig, nötig und sehr gelungen. Mit einer Sichtweise auf Woyzeck, die ihn aus der Opferrolle holt und neue Antworten auf die zuvor genannten Fragen fordert. Von jedem.     

Die Sängerinnen und Sänger sind: Wozzeck, Andreas Jäpel - Marie, Gesine Forberger - Tambourmajor, Jens Klaus Wilde - Hauptmann, Dirk Kleinke - Doktor, Ulrich Schneider - Andres, Hardy Brachmann/Matthias Bleidorn - Margret, Carola Fischer - Handwerksburschen, Ingo Witzke, Christian Henneberg - Narr, Thorsten Coers - Mariens Knabe, Reik Wolke (Kinderchor) - die Damen und Herren des Opernchores und Mitglieder des Kinder- und Jugendchores.

Bild: v.l.n.r.: Ulrich Schneider (Doktor), Andreas Jäpel (Wozzeck) und Dirk Kleinke (Hauptmann) © Marlies Kross 

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