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Brandenburg Donnerstag, 05 September 2013 14:53 |  von (Kunde4Leserreporter)

Erste Anti-Glyphosat Demonstration in Müncheberg

Erste Anti-Glyphosat Demonstration in Müncheberg

Am 31.8.2013 trafen sich knapp 90 Personen auf dem Marktplatz von Müncheberg. Anlass war die Verwendung des glyphosathaltigen Giftes Round up im Wald von Bienenwerder bei Müncheberg.
Glyphosat ist eine geruchlose, wasserlösliche Substanz, die über grüne Pflanzenteile aufgenommen wird. Die Wirkungsweise von Glyphosat beruht auf der Blockierung eines Enzyms, das für den Aufbau von Eiweißbausteinen existentiell ist. Fehlt dieses Enzym oder funktioniert es nicht, dann kommt es zum Wachstumsstillstand und die Pflanze stirbt ab. Glyphosat wird vor allem von Mikroorganismen im Boden abgebaut.
Das Gift galt lange Zeit als unbedenklich, weil Menschen und Tiere dieses Enzym nicht besitzen . Die Prüfungen im Zuge der Zulassungen überstand das Herbizid bislang problemlos. Eine 2012 angestandene Risikoüberprüfung auf EU-Ebene wurde auf 2015 vertagt. Angesichts vieler Hinweise, dass Glyphosat sich schädigend auf den menschlichen Organismus auswirken kann, ein Skandal.
Wegen der chemischen Ähnlichkeit zum Phosphat wird Glyphosat sehr stark in die entsprechenden Bodenminerale angelagert. Wegen der starken Bodenabsorption wird dieses Gift nur in geringen Konzentrationen in Grundwasserproben nachgewiesen. Dafür wird das Gift über einen längeren Zeitraum abgegeben. Weiterhin wurde die Aufnahme von Glyphosat - auch in geringen Mengen - vom menschlichen Körper noch nicht ausreichend untersucht. Dabei ist zu beachten, dass die Roundup-Lösung auch über die menschliche Haut aufgenommen werden kann. Bei Studien an Ratten, Hühnern, Kaninchen und Milchziegen zur Vergiftung durch Glyphosat zeigten sich Rückstände im Gewebe, Eiern und der Milch. Speziell bei Wassertieren wurde eine erhöhte Toxizität festgestellt. Glyphosat ist offensichtlich bei Mensch und Tier der Verursacher von Krankheiten wie Krebs und schädigt das Erbgut der Lebewesen.
Der umfangreiche Einsatz von Glyphosat hat zur Entwicklung von resistenten Unkräutern geführt. So wundert es nicht, dass wer Glyphosat sagt auch Gentechnik nennen muss. Es gelang z.B. bei Mais, Soja, Raps, Baumwolle gentechnisch veränderte Pflanzen zu erzeugen, die eine Resistenz gegen Glyphosat haben (Roundup-Ready-Pflanzen). Wenn diese Pflanzen angebaut werden, kann Glyphosat zur Unkrautbekämpfung auch angewandt werden, wenn die Früchte bereits gereift sind. Es wird somit eine Anwendung wie bei konventionellen Pflanzen nicht nur vor der Aussaat, sondern auch zu späteren Zeitpunkten des Anbaus möglich gemacht. Als Futtermittel werden in der EU jährlich Millionen Tonnen gentechnisch veränderter Soja verwendet. Futtermittel werden aber viel zu wenig kontrolliert.
Die Auswirkungen des Glyphosateinsatzes zeigen sich am ehesten dort, wo es die intensivste und langfristigste Anwendung gibt, in Südamerika.
In den Zentren des intensiven Sojaanbaus Südamerikas kommt es zu Häufungen von Fehlbildungen und Krebsfällen.(13) Da die Behausungen der Anwohner in der Nähe der Felder liegen, wird in der Bevölkerung eine Verbindung mit dem großflächigen Einsatz von Glyphosat hergestellt. Nach den meistens von Flugzeugen erfolgten Sprühungen werden bei der dortigen Bevölkerung vor allem Symptome wie Kopfschmerzen, Magenschmerzen, Schwindelgefühle und das Gefühl der Schwäche beobachtet, was auf die Störung des zentralen Nervensystems hinweist. Haut- und Augenprobleme, Infektionen der Atemwege, Fieber, Magen- und Darmerkrankungen sind die Folge. Die Schädigung des Erbgutes zeigt sich an der hohen Zahl der verkrüppelt geborenen Kinder.(1)
Untersuchungen zur Wahrnehmung des Risikos machen deutlich, dass Rückstände von Pflanzenschutzmitteln bei Obst, Gemüse und Getreide von den Verbrauchern auch in Europa als gefährlich eingeschätzt werden.
Neuerdings erwiesen sich als besonders brisant neuere Studien aus Frankreich und Argentinien. Die französischen Wissenschaftler zeigten, dass bereits geringe Mengen von Glyphosat ausreichen, um menschliche Zellkulturen zu verändern. In einer argentinischen Untersuchung führte die Futterzugabe von Glyphosat zu Missbildungen bei Frosch- und Hühnerembryonen. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR), das die Studien für die EU begutachtete, stufte jedoch die Ergebnisse als nicht relevant für die Menschen ein, weil die Durchführung und Bewertung nicht nach international anerkannten Regeln erfolgt sei.
Nach Angaben des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) hat sich der Verbrauch glyphosathaltiger Mittel durch die Lebensmittelerzeuger in den letzten etwa 15 Jahren fast verdoppelt. Derzeit werden etwa 15.000 Tonnen pro Jahr verspritzt. Besonders problematisch ist das Ausbringen kurz vor der Ernte. Dabei spritzt man Glyphosat und andere Herbizide direkt auf die zu erntenden Pflanzen, wodurch nicht nur die Unkräuter, sondern auch das Getreide, Hülsenfrüchte und Ölsaaten massiv Gift abbekommen. Anschließend müssen in der Regel nur 7 bis 10 Tage bis zur Ernte eingehalten werden. So bekommen wir Glyphosatrückstände frisch auf den Tisch.
Ökotest ließ 2012 20 Proben von in Geschäften erworbenen Getreideprodukten in einem Labor auf Rückstände von Glyphosat untersuchen. "Glyphosat war in fast drei viertel der Produkte nachweisbar. Dabei sind vier von fünf Weizenmehlen, acht von zehn Körnerbrötchen und zwei von fünf Getreideflockenprodukten betroffen. (...) Glyphosat übersteht den Backprozess - auch das war bislang unbekannt. Die Nachweise in den Brötchen zeigen, dass das Herbizid durchaus bei Backtemperaturen stabil bleibt. Insofern sind wahrscheinlich auch Brot, Gebäck und weitere Backwaren mit Glyphosatspuren verunreinigt."(9)
So verwundert es nicht, dass nach einer stichprobenartigen europaweiten Untersuchung festgestellt wurde: " Sieben von zehn der untersuchten Großstädter in Deutschland hatten das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat im Urin."(3)
Woher diese Rückstände des Giftes kommen, muss endlich untersucht werden. Es hat "keiner der von uns untersuchten Stadtbewohner - zum Beispiel in seinem Garten - selbst Glyphosat eingesetzt. Folglich stammen die Belastungen aus Quellen, die der Einzelne nicht zu verantworten hat.", so die Gentechnikexpertin beim BUND, Heike Moldenhauer.(3) Hubert Weiger, BUND-Vorsitzender: "Dabei ist Glyphosat nicht das einzige Pestizid, dem die Menschen ausgesetzt sind. Außer in Malta treten Höchstbelastungen ausgerechnet bei den Bewohnern jener Länder auf, die wie Deutschland, Großbritannien, Polen und die Niederlande intensive Landwirtschaft auf Kosten der Umwelt betreiben. Es wird höchste Zeit, den Pestizideinsatz im Agrarsektor deutlich zu reduzieren." Es müssen langfristig angelegte Monitoring-Programme für Glyphosat in Lebensmitteln und in der Umwelt gestartet werden. "Dabei müssten auch Importfuttermittel und gentechnisch verändertes Soja erfasst werden. Auf EU-Ebene dürften keine Anbauzulassungen für Glyphosat-resistente Gentech-Pflanzen erteilt werden."(3) Durch die geplante Freihandelszone mit den USA und Kanada wird sich diese unhaltbare Situation noch wesentlich verschärfen.
Zurück zur Demonstration. Nach der Auftaktkundgebung zog die Demonstration durch die Straßen von Müncheberg. Mehrmals wurde für Kundgebungen angehalten und die Bevölkerung über die Gefahren informiert. Viele Müncheberger kamen nicht zu dieser ersten Informationsveranstaltung.(6) Die Initiativen von Bewohnern der Stadt müssen koordinierter zusammenarbeiten. Ansatzpunkte gibt es viele. So findet am 15.9.2013 die Fahrraddemonstration "radeln & tadeln" statt. Sie wendet sich gegen die Expansion der Massentierhaltung in der Region und soll um 12h im Ortsteil Eggersdorf beginnen. Für vielfältige Informationen, Kaffee und Kuchen (auch für Nicht-Radler) wird gesorgt.
1) ANTONIOU, MICHAEL u.A.: Roundup and birth defects: Is the public being kept in the dark? In: http://de.scribd.com/doc/57277946/RoundupandBirthDefectsv5
2) BUND: Glyphosat - Hintergrundpapier. In: www.bund.net/fileadmin/bundnet/pdfs/gentechnik/130612_gentechnik_bund_glyphosat_urin_hintergrund.pdf
3) BUND: Glyphosat im Urin von Großstädtern aus 18 europäischen Staaten nachgewiesen. 70 Prozent aller Proben in Deutschland belastet. In: www.bund.net/nc/presse/pressemitteilungen/detail/artikel/glyphosat-im-urin-von-grossstaedtern-aus-18-europaeischen-staaten-nachgewiesen-70-prozent-aller-pro/
4) BUND: Offener Brief an Ministerin Aigner. In: www.bund.net/fileadmin/bundnet/pdfs/gentechnik/130618_bund_gentechnik_glyphosat_brief.pdf
5) BUND: Ratgeber Pestizidfreie Kommunen. In: www.bund.net/fileadmin/bundnet/publikationen/chemie/130411_bund_chemie_broschuere_pestizidfreie_kommunen.pdf
6) Demonstration gegen den Einsatz von Glyphosat im Müncheberger Forst (Film). In: http://youtu.be/Fb5JCttSzeY
7) BUND: Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat im Urin von Großstädtern aus 18 europäischen Staaten nachgewiesen. In: www.bund.net/themen_und_projekte/chemie/pestizide/wirkstoffe/glyphosat/
8) Medizinisches Labor Bremen: Determination of Glyphosate residues in human
urine samples from 18 European countries. In: www.bund.net/fileadmin/bundnet/pdfs/gentechnik/130612_gentechnik_bund_glyphosat_urin_analyse.pdf
9) Ökotest: Glyphosat in Getreideprodukten, 13. Juni 2013. In: www.oekotest.de/cgi/index.cgi?artnr=11799&gartnr=90&bernr=04
10) Organischer Landbau in Bienenwerder e.V.: Gifteinsatz in unseren Wäldern? In: http://olib-ev.org/
11) Wikipedia: Glyphosat. In: http://de.wikipedia.org/wiki/Glyphosat#Verbraucherschutz
12) WILLIAMS, GARY M.: Safety Evaluation and Risk Assessment of the Herbicide Roundup and Its Active Ingredient, Glyphosate, for Humans, 6.12.1999. In: www.ask-force.org/web/HerbizideTol/Williams-Safety-Evaluation-Risk-Assessment-RR-2000.pdf
13) Das stille Gift (Film). In:www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/1896330/ZDFzoom-Das-stille-Gift#/beitrag/video/1896330/ZDFzoom-Das-stille-Gift
Bildnachweis: http://olib-ev.org/wp-content/uploads/2013/08/demo-A.jpg

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