Landkreis
Vetschau Freitag, 24 September 2021 von Redaktion

Vetschauer Wurstwaren abgemahnt. Schweinefleischherkunft irreführend

Vetschauer Wurstwaren abgemahnt. Schweinefleischherkunft irreführend

Die Verbraucherzentrale Brandenburg (VZB) hat den Produzenten von Schweinefleischprodukten "Vetschauer Fleisch- und Wurstwaren GmbH" erfolgreich abgemahnt. Dieser hatte auf den Verpackungen mit dem Slogan „In Harmonie mit der Natur“ geworben. Allerdings stammt das verwendete Fleisch hauptsächlich aus der größten Schweinemastanlage in Brandenburg, der Bolart Schweineproduktionsanlage GmbH Vetschau, im Ortsteil Tornitz mit 60.000 Schweinen, deren Haltungsbedingungen keinesfalls als naturnah gelten können. Der Hersteller hat sich nun verpflichtet, den Claim nicht mehr zu verwenden. Die Verbraucherzentrale setzt sich weiterhin für eine ehrliche Verpackungsgestaltung und bessere Tierhaltung ein, damit Verbraucher:innen eine echte Wahl im Supermarkt haben. Auch die Geschäftsführung des betroffenen Unternehmens äußerte sich zur Abmahnung und anstehenden nötigen Maßnahmen.

Keine Harmonie aber auch keine Änderung der Bezugsquellen

Auf der Webseite des Unternehmens heißt es (Abfrage vom 22.09.2021): "Freude am Essen und echtem Geschmack. Original aus dem Spreewald. Frisch, würzig, und besonders lecker. In 14 Filialen der Vetschauer Wurstwaren GmbH können Sie die Produkte der “Spreewaldfarm” genießen. Am Rande des Spreewaldes, einer in Europa einzigartigen Landschaft, stellt die Vetschauer Wurstwaren GmbH die weithin bekannten und geschätzten Fleisch- und Wurstwaren her. Erstklassige Rohstoffe aus der Region, ständige Qualitätskontrollen, attraktive Verpackungen und ein breites Sortiment machen unsere Produkte zu einer Besonderheit.". Filialen des Unternehmens sind in Vetschau (4), Calau, Burg/Spreewald, Cottbus (2), Schwarzkollm, Forst (Lausitz), Guben, Großräschen, Welzow (2), Lübbenau und Senftenberg.

Die VZB hat die Vetschauer Wurstwaren GmbH mit ihrem Label auf Fleisch- und Wurstwaren „Spreewaldfarm / in Harmonie mit der Natur“ wegen Irreführung abgemahnt. „Der Claim in Verbindung mit dem Bild suggeriert Verbraucher:innen, dass die Produkte im Einklang mit der Natur erzeugt und mehr Tierwohl als eine gewöhnliche Schweinehaltung bieten würden“, so Annett Reinke, Lebensmittelrechtsexpertin bei der VZB. „Das ist schlichtweg falsch, eher das Gegenteil ist der Fall, denn: Der Hersteller stellt die Produkte nach eigenen Angaben mit Fleisch aus der Bolart Schweineproduktionsanlage GmbH Tornitz/Spreewald (Ortsteil von Vetschau) her, der mit mehr als 60.000 Tieren größten Schweinemastanlage in Brandenburg. Die Schweine werden dort konventionell im Stall nach den gesetzlichen Mindeststandards gehalten. Das entspricht der niedrigsten in Deutschland erlaubten Haltungsform mit sehr wenig Platz, eingeschränkten Bewegungsmöglichkeiten, keinem Außenbereich und wenig Tageslicht.“

Schweinemastanlage schon lange in der Kritik

Unsere Nachfrage, ob es zu einer Umstellung der Bezugsquellen der Tierprodukte kommt, verneint die Geschäftsführung der Vetschauer Wurstwaren: "Zu den Haltungsbedingungen der Tiere in der Anlage in Tornitz können wir uns nicht äußern. Wir sind weder Betreiber der Anlage noch an dieser beteiligt. Betreiber der Anlage ist die Bolart Schweineproduktionsanlagen GmbH. Für den Verbraucher ändert sich an dieser Stelle nichts. Die uns entstehenden Kosten werden wir nicht auf den Verbraucher umlegen. An der Qualität unserer Produkte wird sich nichts ändern. Eine Umstellung der Bezugsquelle für das Schweinefleisch kann allerdings kurzfristig nicht erfolgen, da es in der Region nur kleinere Schlachthöfe gibt, deren Kapazitäten bereits ausgelastet sind und die zum anderen auch nicht die Mengen liefern könnten, die für eine Aufrechterhaltung unserer Produktion erforderlich wären."

Zu den Herkunftsorten des verwendeten Schweinefleisch äußerte sie sich ebenfalls: "Wir beziehen entgegen des Inhalts der Unterlassungserklärung unser Schweinefleisch auch nicht direkt aus Tornitz. Lieferant des Schweinefleisches sind zertifizierte Schlachthöfe aus Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg. Dies ist leider notwendig, nachdem in der Region alle größeren Schlachthöfe geschlossen worden sind. Uns ist bekannt, dass auch die Tiere aus der Schweinemastanlage in Tornitz in Sachsen-Anhalt geschlachtet werden. Mithin kann durch uns nicht ausgeschlossen werden, dass über den Umweg der Schlachtanlage bei uns auch Schweinefleisch aus Tornitz Verwendung findet. Vor diesem Hintergrund wurde die durch die von der Verbraucherzentrale begehrte Unterlassungserklärung abgegeben."

Die Anlage in Tornitz stand in der Vergangenheit immer wieder in der Kritik, 2015 wurde eine Erweiterung auf knapp 68.000 Schweine genehmigt, eine Umweltverträglichkeitsprüfung stoppte die Pläne. Die Schweinezucht- und Mastanlage Tornitz stößt mehr Luftschadstoffe aus als alle anderen Industrieanlagen des Landes, mit 139 t Ammoniak und 104 t Methan Emissionen pro Jahr ist sie der größte Schadstoffemittent Brandenburgs, wie die MAZ bereits 2013 berichtete.

Aufgrund einer Anzeige von Animal Rights Watch e.V. wurde 2014 bei Kontrollen festgestellt, dass mehr als 50 Sauen (bis zu 5%) in zu engen Kastenständen gehalten wurden. Im September 2016 informierte der Schlachthof Weißenfels, dass bei einer Stichprobennahme 210mg Kupfer pro Kilogramm Schweineleber festgestellt wurde - zulässig sind 30mg Kupfer je Kilogramm. Über Monate hatten 400 Jungsauen ein Vormastfutter mit erhöhtem Kupfergehalt erhalten. Kupfer beschleunigt das Wachstum und besitzt das Potenzial für die Entwicklung von Antibiotikaresistenzen. Der Betreiber der Anlage musste ein Bußgeld zahlen, wie die Lausitzer Rundschau berichtete.

Eine Täuschung beendet, aber es bleibt viel zu tun

Nach der Abmahnung der VZB hat das Unternehmen erklärt, das Label so nicht mehr zu verwenden und den Schriftzug „In Harmonie mit der Natur“ zu streichen. Der Hersteller darf noch Restbestände seiner Produktion verkaufen, die er sowohl über Rewe, Edeka, weitere Handelsketten und über das Internet als auch in eigenen Läden in Cottbus und im Brandenburger Süden vertreibt.

„Dies ist ein Erfolg für die Verbraucher:innen, die nun nicht mehr durch die Verpackungsgestaltung getäuscht werden“, so die Expertin. Jedoch: An den schlechten Haltungsbedingungen der Tiere ändert dies nichts. „Wir fordern, dass der Gesetzgeber die Tierhaltung insgesamt deutlich verbessert. Es sind höhere gesetzliche Standards für den Umgang mit Nutztieren nötig, außerdem braucht es ein verbindliches Tierwohllabel für Fleisch und Wurst, das die Haltungsbedingungen der Tiere für die Menschen transparent und nachvollziehbar macht“, so Reinke. „Viele Verbraucher:innen sind bereit, für Produkte aus besserer Tierhaltung mehr zu bezahlen. Daher müssen die Beschönigungen von Verpackungsgestaltungen ein Ende haben, damit die Menschen sich sicher sein können, dass das drin ist, was draufsteht.“

Zur Abmahnung selbst äußert sich die Geschäftsführung wie folgt: "Mit Schreiben vom 16.06.2021 wurden wir von der Verbraucherzentrale Brandenburg e.V. aufgefordert, es zukünftig zu unterlassen, auf unseren Produkten und in sonstiger Weise mit dem Schriftzug „In Harmonie mit der Natur“ zu werben. Die Verbraucherzentrale ist davon ausgegangen, dass die Erzeugung der durch uns genutzten Rohwaren (Schweinefleisch) nicht so zu bewerten ist, dass die Verwendung dieses Schriftzuges gerechtfertigt ist. Dies dürfte aus unserer Sicht auch richtig sein, allerdings nur bezogen auf das hier verwendete Schweinefleisch. Da der von der Verbraucherzentrale beanstandete Schriftzug in vielen Bereichen verwendet wird wurde eine stufenweise Anpassung mit der Verbraucherzentrale vereinbart. Die letzte in der Unterlassungserklärung vereinbarte Übergangsfrist endet am 30.06.2022. An dieser Stelle möchten wir uns noch einmal ausdrücklich dafür bedanken, dass die Verbraucherzentrale unseren ökonomischen und logistischen Zwängen Rechnung getragen hat. Eine Umstellung der Produktion und der gesamten Werbung ist nicht von heute auf morgen möglich. Die Verhandlungen zwischen unserem Rechtsanwalt und der Verbraucherzentrale haben im Ergebnis dazu geführt, dass verschiedene Übergangsfristen vereinbart worden sind, die es uns ermöglichen, unsere Produktion entsprechend anzupassen. Konsequenz der Unterzeichnung der Unterlassungserklärung ist, dass das beanstandete Logo („In Harmonie mit der Natur“) nach Ablauf der Übergangsfrist nicht mehr verwendet werden darf. Andernfalls würde für jeden Verstoß gegen die Vereinbarung eine Vertragsstrafe fällig werden."

Auswirkungen auf das Unternehmen

Die Unterlassungserklärung hat jedoch nicht nur Auswirkung auf die beanstandete Verpackung, wie die Geschäftsführung erklärt: "Die Auswirkungen der Abmahnung und der Unterlassungserklärung sind für uns als Hersteller gravierend. Es geht nämlich nicht nur um eine Änderung der Verpackung. Vielmehr darf der beanstandete Schriftzug „In Harmonie mit der Natur“ generell nicht mehr verwendet werden. Dies bedeutet, dass der Schriftzug auch von Werbeflyern, Werbeanzeigen, Filialen und sonstigen Räumen und Firmenfahrzeugen entfernt werden muss. Darüber hinaus muss eine Umstellung der Verpackungen erfolgen. Hier konnte erfreulicherweise mit der Verbraucherzentrale eine Vereinbarung dahingehend getroffen werden, dass bereits verpackte Fleisch- und Wurstwaren nicht vernichtet werden müssen sondern noch verbraucht werden dürfen. Die Veränderungen gehen soweit, dass sogar für unsere 120 Mitarbeiter neue Arbeitsbekleidung beschafft werden muss, da sich das beanstandete Logo auch auf der Arbeitsbekleidung befindet. Das dies mit erheblichen Kosten einhergeht dürfte auf der Hand liegen."

Die bereits verpackten Produkte dürfen bis zum Ende der Übergangsfrist weiter verkauft werden, um welche Mengen es sich dabei handelt, konnte die Vetschauer Wurstwaren GmbH nicht sagen: "Dies hat damit zu tun, dass wir die Produkte nicht nur selbst vertreiben sondern auch über Handelsketten wie Rewe und Edeka. Hier ist ein Überblick, in welchen Mengen unsere Produkte dort noch vorhanden oder bereits verkauft worden sind, naturgemäß nicht möglich."

Verbraucherzentrale war bereits gegen Netto erfolgreich

Die VZB setzt sich weiterhin für eine bessere Tierhaltung und eine ehrliche Verpackungsgestaltung ein. Bereits im Jahr 2020 hat sie die Aufmachung von Fleischprodukten kritisiert und erfolgreich gegen den Netto Marken-Discount geklagt. Die kritisierte Verpackung mit frischem Schweinefleisch zeigte Schweine auf einer grünen Wiese. Das Fleisch stammte allerdings wie im aktuellen Fall aus der niedrigsten Haltungsform, der konventionellen Stallhaltung. Das Landgericht stellte seinerzeit klar, dass Abbildungen auf Verpackungen keinen falschen Eindruck erwecken und die Haltungsform damit beschönigen dürfen (LG Nürnberg-Fürth vom 31.01.2020, Az: 19 O 5336/19). Weitere Informationen dazu unter: Verbraucherzentrale gewinnt gegen Netto Marken-Discount | Verbraucherzentrale Brandenburg (verbraucherzentrale-brandenburg.de)

Wer weitere irreführende Verpackungen im Supermarkt findet, kann diese der Verbraucherzentrale Brandenburg melden: Beschwerde-Box der Verbraucherzentrale Brandenburg | Verbraucherzentrale Brandenburg (verbraucherzentrale-brandenburg.de

Reaktionen

Der Fraktionsvorsitzende und tierschutzpolitische Sprecher der bündnisgrünen Landtagsfraktion, Benjamin Raschke: „Es ist ein gutes Zeichen, dass die Täuschung der Verbraucher*innen ein Ende hat. Die Mastanlage in Tornitz ist mit mehr als 60.000 Tieren eine der größten Schweinemastanlagen in Deutschland. Die Tiere werden nach den niedrigsten in Deutschland erlaubten Standards gehalten und haben viel zu wenig Platz. Zahlreiche tierschutzrechtliche Verstöße sind aktenkundig. Hinzu kommt der Skandal um das verunreinigte Grundwasser durch undichte Güllebehälter. Ich danke der Verbraucherzentrale Brandenburg für ihren Einsatz und gratuliere zum Erfolg.“

Grafik: Das von der Verbraucherzentrale kritisierte Label hat mit der tatsächlichen Produktionsweise nichts zu tun. © VZB

Heute in der Lausitz! Unser täglicher Newsüberblick

Alle aktuellen Meldungen, Videos und Postings haben wir in einer Übersicht zusammengefasst.

->> Weiterlesen

Red. / Presseinfo 

Das könnte Sie auch interessieren