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Cottbus Dienstag, 17 September 2013 von Benjamin Andriske

Die Angst vor Neuem .. und wie sie in der Lausitz ausgenutzt wird

Die Angst vor Neuem .. und wie sie in der Lausitz ausgenutzt wird

Rumms.. über 120.000 Einwendungen (Stand 17.09.2013) aus der Lausitz und ganz Deutschland gegen die Braunkohlepläne des schwedischen Staatskonzerns Vattenfall und der Brandenburger Landesregierung für den geplanten Tagebau Welzow Süd II. Das ist erst einmal eine Hausnummer und anscheinend gibt es einige Menschen, die mit dem Kapitel Abbaggerung und Braunkohlestrom endlich abschließen wollen. Dieses Thema hat viele Facetten, in der Lausitz haben wir eine ellenlange Diskussion um Für und Wider der Braunkohleindustrie hinter und wahrscheinlich noch weiter vor uns.
Die Befürworter haben sich schon in Stellung gebracht und haben ihre gesammelten Unterschriften ebenfalls übergeben. Hier sind knapp über 60.000 zusammengekommen. Was mich persönlich stört ist das Spiel dahinter. Hier wird mit den Ängsten der Leute gearbeitet und die Argumentationen sind in letzter Zeit sogar vom hiesigen Konzern weggelenkt auf einen Verein der sich "Pro Lausitzer Braunkohle" nennt. Hier bekriegen sich nun also Menschen und kein Konzern mehr. Eine strategische Meisterleistung. Glorreicher Abschluss der Kampagne mit dem mitreißenden Namen "Meine Stimme fürs Revier" war das gestrige Fußballspiel, als sie die Jüngsten der Gesellschaft und Musik zusammen mit einem Sportclub für ihre Zwecke einspannten. Niederlausitz aktuell berichtete und zeigt auch einige Hintergründe und Verflechtungen auf.
Auf den Straßen hauen sich Befürworter und Gegner die Köpfe ein und beide Seiten rufen zu "einer sachlichen Diskussion" auf, obwohl gleich die nächste Pressemeldung folgt, wo allerlei Fakten immer wieder anders dargestellt werden. Zum Beispiel die Arbeitsplätze, der heilige Gral der Politik und auch der Wirtschaft, wenn es zum Überleben notwendig wird. Mal ist von 8.000 Beschäftigten die Rede, die Brandenburger Landesregierung hat 12.000 in ihren Meldungen und besonders eifrige Bundestagskandidaten sprechen sogar von 50.000 direkt und indirekt Beschäftigten, wobei anzumerken ist, dass dieser Kandidat im Aufsichtsrat von Vattenfall sitzt. Nachprüfen kann man diese Zahlen nur schwer, welche ausgegründeten Tochtergesellschaften zählt man dazu, welche nicht... wahrscheinlich so wie man es gerade braucht. Aber beim gemeinen Bürger ruft es eine Reaktion hervor: Angst! Soviele Arbeitsplätze? Dann gehen hier ja die Lichter aus! Richtig! Wenn man nichts tut und sich auf die trügerische Sicherheit von "sicheren Arbeitsplätzen" verlässt, kommt man auf den Schluss. Aber was ist nicht alles sicher?
Ich erinnere mich an: "Die Rente ist sicher" und "Die Banken sind sicher", alles hohle Phrasen, obwohl bei letzteren ja festgestellt wurde, dass sie "too big to fail" (zu groß um zu scheitern) sind und staatlich gestützt werden müssen. Eine bequeme Lage, für die eigentlich ruinösen Geschäftspraktiken und sonst propagierten Freiheitsliebe der Banken. Aber unsere Politiker und dahinter viele Lobbyisten fanden tolle Argumente, warum das so sein muss.
Zurück zur Kohle. Bedenkt man, dass Vattenfall für die Tagebaunachsorge keinen Cent in die Hand nehmen muss, da es im Einigungsvertrag so festgehalten wurde und auch keine Förderabgabe für die Millionen Tonnen an Braunkohle zahlen muss (gibt es in Brandenburg nicht, derzeit wird erst überlegt für eine eventuelle Erdölförderung so etwas einzuführen) werden einige Initiativen klar. Hier würde eine eierlegende Wollmilchsau verloren gehen. Aber das ist ein anderes Thema.
In vielen Vereinen und bei Festen der Region als großzügiger Sponsor auftretend, haben sie sich eine weitere Gruppe Abhängiger geschaffen, mit dem Argument "wenn Vattenfall nicht unterstützen würde, wer dann?" Tja.. wer dann.. da geht wieder die Angst um, was passiert wenn? Vorgestern habe ich in dem Spielfilm "Watchmen" einen treffenden Satz gehört: "Fossile Brennstoffe, Öl, Atomkraft" sind wie Drogen für die Welt und Sie Gentlemen als Industriekapitäne, sind die Dogenbarone!".
Eine ähnliche und durchaus nachvollziehbare Argumentation habe ich letztens in der Diskussion um das Cottbuser Carl-Thiem-Klinikum gehört. Mitarbeiter meinten "So wie es läuft ist es schlecht, das Betriebsklima ist eisig...." und so weiter, aber im selben Satz kam gleich hinterher "aber was wird denn, wenn die Chefin gehen muss? Das weiß keiner und ob es besser wird auch nicht.."
Nun haben sich die Ereignisse vor Kurzem selbst geregelt. Durch einen offenen Brief fühlte sich der Cottbuser Oberbürgermeister und der Aufsichtsrat des CTK bemüßigt die Chefin freizustellen, obwohl die Probleme schon lange bekannt waren. Erst kürzlich habe ich mit dem selben Mitarbeiter gesprochen, wie es nun am Klinikum ist. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht und es sprudelte regelrecht aus ihm raus: "Irgendwie anders, eine Art Aufbruchstimmung, teilweise wird sich jetzt schon quer durch den Raum gegrüßt, was früher undenkbar gewesen wäre." Ich konnte mir in dem Moment nicht verkneifen nachzufragen, was aus den Ängsten geworden ist. Die Antwort war "Ja, man baut sich da immer eine Mauer im Kopf auf mit allen möglichen Dingen, aber die sind nicht eingetroffen."
Die Menschen haben Angst um ihre Beschäftigungsverhältnisse, schließlich müssen sie sich und ihre Familien ernähren.
Aber hätte sich Kolumbus 1492 gesagt "Ich weiß nicht was hinter dem Horizont kommt, dann lasse ich es lieber." wäre ein sehr bedeutendes Ereignis der Weltgeschichte entweder ganz anders oder nicht zu der Zeit eingetreten. Viele Entwicklungen hätten so nicht, oder nur verzögert stattgefunden. Es war der Mut und der Entdecker- und Forscherdrang, der ihn zu dierse tollkühnen Mission brachte. Es war Zeit sich neu zu erfinden. Genauso mit den Ereignissen 1989. Hätten sich nicht Menschen trotz mindestens genauso vieler Bedenkenträger und Nutznießer des bestehenden Systems aufgemacht es zu ändern, wer weiß was heute wäre. Oder wollen sie nicht mehr nach Spanien oder Frankreich reisen? Evtl. dort arbeiten können wenn sie möchten?
Ähnlich sieht es bei der Braunkohle aus. Seit Jahrzehnten ein fester Bestandteil in der Lausitz, früher direkt zehntausende Menschen beschäftigt, heute einige weniger. Aber sie ist die Lebensader in der Region. Gegner und Befürworter beharken sich, auf der einen Seite wird so getan als wollen die Gegner die Kraftwerke morgen abschalten und es danach dunkel werden würde in der Lausitz. Wer sich nur einmal genau damit beschäftigt, wird feststellen, dass selbst die Gegner einen mittelfristigen Ausstieg bis etwa 2035 anpeilen, nur nicht mit einem neuen Tagebau der bis 2050 hinaus betrieben wird.
Es wird auch dunkel, wenn nicht langsam ernsthaft über eine Alternative nachgedacht wird und bisherige Nutznießer in Politik und Wirtschaft sich von alten Seilschaften und hohlen Versprechen lösen, um die Lausitz wirklich zukunftsfähig zu machen. Aber hier wird wieder mit der Angst der Leute vor Veränderungen gearbeitet. Frei dem Motto, wir wissen nicht was morgen kommt, bleiben wir lieber bei dem was wir kennen bis zum bitteren Ende, wird vorgegangen. Es ist ja auch bequemer so, ohne große Anstrengungen kann weitergemacht werden wie bisher. Aber was, wenn die Technologie die Politik überholt? Bis 2035 etwa soll Welzow I aktiv bleiben, Welzow II bis über 2050 hinaus. Da dürfen die hiesigen Wirtschafts- und Politikbosse aber nicht vergessen dem technischen Fortschritt Bescheid zu sagen, sonst könnte es sein, dass heute Entscheidungen für einen neuen Tagebau getroffen werden, der 2040 garnicht mehr gebraucht wird, weil die erneuerbaren Energien alles abdecken können. Wenn man die Restaurierung der Flächen und Abbau der Kraftwerke mit einberechnet, gelangt man wahrscheinlich an das 22. Jahrhundert heran.
Hier wird mit Ängsten der Menschen um ihr Überleben im wirtschaftlichen Alltag gespielt, von Leuten die heute Entscheidungen zementieren, die noch Generationen nach ihrem Ableben auslöffeln müssen. Noch ist Zeit, parallel eine Alternative aufzubauen, ohne von jetzt auf gleich etwas aus dem Hut zaubern zu müssen, oder auf den nächsten großen Heilsbringer von Außen zu warten. Ein mahnendes Beispiel sollte das Ruhrgebiet sein, von den 70ern bis in die 2000er hinein haben sie gebraucht, um den abprupten Strukturwandel seit Schließung vieler Zechen hinzubekommen, oder leiden heute noch.
Ich freue mich auf die Diskussion

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