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Lübben (Spreewald) Mittwoch, 17 Mai 2017 12:00 |  von Redaktion

Paul-Gerhardt-Zentrum feiert Geburtstag

Paul-Gerhardt-Zentrum feiert Geburtstag

Seit einem Jahr berichtet ein kleines Informationszentrum in der Spreewald-Stadt Lübben über das Leben und Wirken des großen Lieddichters Paul Gerhardt (1607–1676). Es soll den in Lübben begrabenen Theologen bekannter machen. 

Das Paul-Gerhardt-Zentrum ist deutschlandweit die einzige Dauerausstellung über den Theologen, der seine letzten Lebensjahre in Lübben verbrachte. Im Jahr 1907 hat die Stadt ihm ein Denkmal gesetzt. Es steht direkt vor der Paul-Gerhardt-Kirche am Marktplatz. Wenige Gehminuten von dort entfernt, befindet sich das kleine Informationszentrum in einem Gewölbekeller. Hier bildet eine professionell erarbeitete Ausstellung die Lebensstationen des Lieddichters ab, vor allem aber will man auf seine Bedeutung als Lieddichter und Sprachschöpfer aufmerksam machen. Auch wenn, insbesondere in diesem Jahr, Luther als deutscher Sprachstratege gefeiert wird, gehen viele bildstarke Wortschöpfungen wie „Zittern und Zagen“, „Rat und Tat“, „Gnadenwind“ und „Weltgewicht“ auf Paul Gerhardt zurück, wie die Ausstellung zeigt. Seine Lieder sind heute noch echte Hits und weltweit in den Gesangbüchern aller Konfessionen vertreten. „Geh aus mein Herz und suche Freud“ ist eines seiner bekanntesten Lieder und wird gerade jetzt im Frühjahr viel gesungen. Über die Jahrhunderte hinweg ist das Gedicht mit verschiedenen Melodien unterlegt worden. Der Text allerdings hat in den knapp 500 Jahren nach seiner Erstveröffentlichung nicht an Aktualität verloren. Noch immer ist er in der Lage, ein Lebensgefühl auszudrücken. Das gilt für viele andere seiner Lieder, wie „Befiehl du deine Wege“ oder „Ich steh an Deiner Krippen hier“. Das ist es, worauf man in Lübben den Blick lenken möchten. „Wenn man weiß, dass die Hälfte der Lebenszeit von Paul Gerhardt in den Grauen des Dreißigjährigen Krieges lag, blickt man noch einmal ganz anders auf die von Lob, Dank und Freude handelnden Texte seiner Lieder“, sagt Initiator Werner Kuhtz. Paul Gerhardt hat eine neue Qualität des Kirchenliedes entwickelt. Heute würde man von einer Innovation sprechen. Seine Texte lösten das von Demut geprägte Liedgut ab. Sogar Johann Sebastian Bach griff für seine Kantaten und Oratorien auf Texte von Gerhardt zurück. Es war die Begegnung mit dem Berliner Kantor Johann Crüger, die das Schaffen von Gerhardt beflügelte. Die beiden sind in den 1640er Jahren ein kreatives Team. Unzählige Stunden verbrachten sie gemeinsam an der Orgel der Nikolaikirche, um Texte und Melodien zu einem eingängigen Gefüge zusammenzubringen. So beschreibt es zum Beispiel der Autor Till Sailer in seiner Gerhardt-Romanbiografie „So groß die Last“, die er jüngst in dem Informationszentrum vorstellte.

In dem die Ausstellungstexte aus der Perspektive des Lieddichters verfasst sind, vermitteln sie persönliche Nähe. So wird der Gast mit folgenden Worten begrüßt: „Vor etwa 350 Jahren war ich einmal Pfarrer hier in Lübben. Bekannt wurde ich aber als Dichter. Wenn Sie möchten, will ich Ihnen gern ein wenig von meinem Leben und Liedern erzählen.“ Der Besucher kann so den Lebensstationen Gräfenhainichen, Grimma, Berlin, Mittenwalde und schließlich Lübben folgen. Hierher kam er nicht ganz freiwillig. Als er als Vertreter der lutherischen Lehre es ablehnte, das Toleranzedikt zu unterzeichnen, bekam er Schwierigkeiten mit seinem Pfarrdienst. Das Edikt verbot den Lutheranern und den Calvinisten öffentliche Kritik an den Lehren der jeweils anderen zu üben. Das kam für Paul Gerhardt einem Verrat an seinem Glauben gleich. In Lübben erhielt er quasi Asyl.

Im Vergleich zu seinem Schaffen hat Paul Gerhardt der Nachwelt wenige Spuren seines Lebens hinterlassen. Einige sind in Lübben zu finden. In der Lübbener Kirche mit dem Paul-Gerhardt-Denkmal davor, befindet sich seine Grabstätte. Altar, Kanzel und Taufstein sind aus der Zeit seines Wirkens. Zu sehen ist außerdem eines der wenigen nachweislich echten Bildnisse von ihm.

Wenn auch Paul Gerhardt in Lübben keine Liedtexte gedichtet hat, gab es für die Gerhardt-Freunde Werner Kuhtz und Pfarrer Olaf Beier genug Gründe, dem Dichter in Lübben mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen. So steht es auch in der Satzung des eigens dafür gegründeten Vereins. Mit der Eröffnung des Informationszentrums vor einem Jahr hat man sich einen Traum erfüllt. Seit 2007 wird zweimal jährlich eine Paul-Gerhardt-Woche gefeiert, stets mit dem Versuch, trotz dünner Faktenlage Neues aus dem Leben des berühmten Lübbeners zu präsentieren. Zum Beispiel mit Buchlesungen, wie die mit Till Sailer vor wenigen Tagen. Die Sammlung internationaler Liederbücher mit Gerhard-Texten in der Kirche geht gleichermaßen auf die Initiative von Werner Kuhtz zurück. Sie ist inzwischen auf einen Umfang von 50 Liederbüchern aus aller Welt herangewachsen. Das Informationszentrum in der Lübbener Innenstadt wird künftig noch mehr überregionale Aufmerksamkeit erhalten. Die Ausstellung im Gewölbekeller des ehemaligen Lübbener Malzhauses ist ein Etappenziel auf dem 120 Kilometer langen Paul-Gerhardt-Wanderweg. Er verbindet Gerhardts Lebens- und Wirkungsstätten Berlin, Mittenwalde und Lübben. Ein Buch dazu gibt es bereits. Die offizielle Eröffnung des Wanderweges steht kurz bevor. 

Das Paul-Gerhardt-Zentrum hat zwischen April und Oktober Montag bis Samstag von 10 bis 12 und 14 bis 17 Uhr geöffnet. Führungen werden nach Anmeldung angeboten. Der Eintritt kostet 2,50 Euro. Kontakt: Werner Kuhtz, Telefon 03546 3346.

Fotos, Franziska Dorn: 

Der Autor Till Sailer im Paul-Gerhardt-Informationszentrum in Lübben im Gespräch mit dem Initiator Werner Kuhtz und Vorstandsmitglied Ines Mularczyk.

pm/red

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