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Brandenburg Freitag, 26 Februar 2016 09:09 |  von (4)

Bauboom vs. Sanierung – Architekturexperte plädiert für Bauverbot

Bauboom vs. Sanierung – Architekturexperte plädiert für Bauverbot

Die Wohnungspreise in regionalen Ballungszentren von Ostdeutschland sind markant gestiegen. Laut eines aktuellen Kaufpreis-Checks des Immobilienportals immowelt.de haben die Preise in Städten wie Potsdam und Dresden seit 2010 zwischen 30 und 50 Prozent zugelegt. Eine Tatsache, die viele Verbraucher dazu bewegt die derzeit attraktiven Bauzinsen zum Neubau zu nutzen. Architekturexperte Daniel Fuhrhop stellte eine These auf, wonach Deutschland völlig ohne Neubauten auskommen könnte. Wie das Wissensmagazin GEO in der ersten Ausgabe des Jahres berichtet, macht sich Fuhrhop für Altbauten stark, um das kulturelle Erbe zu erhalten und belebte Städte zu fördern.

In den vergangenen fünf Jahren erhöhten sich die Kaufpreise in 15 von insgesamt 22 Städten in Ostdeutschland für Eigentumswohnungen mehr, als die Inflation mit +6,9 Prozent zulegte. So das Ergebnis des Immowelt-Kaufpreis-Checks, der online im Presseportal veröffentlicht wurde. Deutlich tiefer in die Tasche greifen, müssen Käufer in Großstädten mit starkem Wachstum wie Potsdam oder Dresden. Allein in Dresden betrug die Preissteigerung stolze 49 Prozent, während Potsdamer Eigentumswohnungen 38 Prozent mehr kosten. Im Zentrum der Niederlausitz in Cottbus liegt der Preissprung mit einem Plus von 36 Prozent ebenfalls überraschend hoch. Um mehr für sein Geld zu bekommen, entscheiden sich viele für einen Neubau. Dies gilt sowohl für die Niederlausitz als auch für andere Teile des Landes.

Architekturexperte Daniel Fuhrhop schreibt im GEO Forum, warum er sich für Sanierungen engagiert und fordert die Deutschen dazu auf mit dem Bauen aufzuhören. Er behauptet, Deutschland könne sogar in Zeiten der Flüchtlingskrise ohne jegliche Neubauten auskommen. Die Vielzahl an lehrstehenden Räumlichkeiten und Immobilien müssten nur richtig genutzt und Altbauten energetisch sinnvoll saniert werden.

Zum Bauboom motiviert

Welche Ausmaße der Bauboom mittlerweile angenommen hat, verdeutlichen die von Fuhrhop zusammengetragenen Fakten. Jährlich, heißt es, würden in Deutschland über 200.000 neue Wohnungen, mehrere Millionen Büro-Quadratmeter und mehrere hunderttausend Quadratmeter für Handelsfläche gebaut. Jedes Jahr wird in Deutschland eine weitere Fläche bebaut, die der Stadt Bonn entspricht, obwohl die Einwohnerzahl seit 20 Jahren gleichbleibend ist. Eine erstaunliche Erkenntnis. dresden 589689 1920 1

Über die Bau-Bereitschaft der Deutschen freut sich insbesondere die Baubranche, welche sich an den zahlreichen Neubauten eine goldene Nase verdient. Die Industrie motiviert den potenziellen Bauherren, indem Berechnungen vorgelegt werden, wonach sich Altbausanierungen nicht lohnen. Das Abreißen von alten Gebäuden und Ersetzen durch modernste Passivhäuser sei rentabler, als die aufwändige Modernisierung. Wie Fuhrhop passend erklärt, ist diese Aussage allerdings nicht objektiv. Bei einem Blick auf eine Bilanz, die neben Heizenergie auch Ausgaben für Abriss, Neubau, Transporte und Materialien einbezieht, wird klar, dass die Altbausanierung durchaus Potenzial hat. Dass neue Passivhäuser im Vergleich zur Sanierung von Bestandsgebäuden die ökologisch bessere Wahl sind, sei ein Trugschluss.

Sanierungsmöglichkeiten unterschätzt

Die Auswahl an Lösungen zukunftsorientierter Sanierungsmaßnahmen mit langfristigem Mehrwert gibt Fuhrhop recht. Innovationen auf dem Sanierungsmarkt beweisen, dass viele Altbauten nicht abgerissen werden müssten, sondern sich mit durchdachten Vorkehrungen in ökologisch wertvollen Wohnraum verwandeln ließen. So erklärt der Holzschutzexperte Ingo Thümler (wooditherm.de): „Die Abtötung von holzzerstörenden Insekten und Echtem Hausschwamm durch Wärme, ist ein erfolgreiches Verfahren, das ohne Biozide auskommt.“ Ein Beispiel stellen „Bestandsgebäude mit Mängeln an der Holzsubstanz dar“ so Thümler weiter. Vielerorts sind hölzerne Bauelemente aufgrund ihres Alters von Mikroorganismen und Insekten befallen. Häufig wird der Abriss der Sanierung empfohlen, weil letzteres scheinbar kostenintensiver wäre. Was bei dieser Rechnung vernachlässigt wird, sind die mit dem Neubau einhergehenden Ausgaben. Hinzu kommt, dass es mittlerweile eben sehr effektive Lösungsansätze für Sanierungsarbeiten gibt.

Ähnlich wie in diesem Beispiel, hat die Branche viele günstige und ökologische Lösungen zur Sanierung parat, wodurch im Einzelfall intensiv geprüft werden muss, ob ein Neubau tatsächlich die bessere Wahl ist.

Die Verbraucherstiftung stellt gemeinsam mit dem Bauherren-Schutzbund im Video am Ende des Artikels zahlreiche Modernisierungsmaßnahmen unter energetischen Gesichtspunkten vor und gewährt einen interessanten Einblick in die Welt der Sanierung.

 

Fuhrhop will mit seiner sogenannten Streitschrift „Verbietet das Bauen!“ auf den Umstand aufmerksam machen, dass sowohl privat als auch im öffentlichen Raum wesentlich mehr Geld in den Neubau investiert wird, als in die Pflege und Erhaltung von Bestandsgebäuden. Bereits 2013 verkaufte er seinen Architekturverlag, um sich alternativen Herausforderungen zu widmen. In „Verbietet das Bauen!“ fasst der Architekturexperte 50 Möglichkeiten zur Vermeidung von Neubauten zusammen. Darunter Ideen für Städte zur individuellen Wohnraumnutzung und Anregungen zur Altbausanierung.

Fuhrhop fasst sein Anliegen bei GEO online unmissverständlich zusammen: „die Forderung nach einem Bauverbot richtet sich weniger gegen etwas, sondern kämpft für etwas: für unsere Altbauten und das kulturelle Erbe, für lebendige Straßen und belebte Städte.“

Titelbild: Antranias – 499585

Bild 2: pixabay.com

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