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Brandenburg Mittwoch, 11 Januar 2017 21:04 |  von Redaktion

Bio in Berlin und Brandenburg: Fakten, Trends und Rahmenbedingungen

Bio in Berlin und Brandenburg: Fakten, Trends und Rahmenbedingungen

Die Fördergemeinschaft Ökologischer Landbau Berlin-Brandenburg (FÖL) e.V. hat einen Überblick erstellt, wie es um den Berliner und Brandenburger Biomarkt steht, welche Voraussetzungen und Chancen es gibt und welche Trends warten.

Die Umsatzkurve der Berlin-Brandenburger Bio-Branche klettert auch in 2016 nach oben. Nach Erhebungen der Fördergemeinschaft Ökologischer Landbau Berlin-Brandenburg (FÖL) liegt der Gesamtumsatz des regionalen Naturkostfachhandels (inklusive Direktvermarkter, Handwerksbetriebe und Lieferdienste) mittlerweile bei über 450 Millionen Euro. Dies entspricht einem Wachstum von ca. 5 Prozent.

Wachstumsmotor: Bio-Supermärkte
Wachstumstreiber im Fachhandel sind nach wie vor die Bio-Supermärkte. Von 98 stieg deren Anzahl auf 108, ein Anstieg um über 10 %. Marktführer in der Region bleibt die Bio Company (46 Filialen), gefolgt von denn’s Biomarkt (32), Alnatura (15) sowie der LPG (8 Filialen). Und es geht weiter: Nach Kenntnisstand der FÖL sind in 2017 erneut mindestens 10 neue Bio-Supermärkte in Planung.
 
Praktisch und zeitsparend: Lieferdienste
Erntefrisches Obst und Gemüse, Molkereiprodukte, Tiefkühlkost oder Getränke – Lieferdienste bringen ihren Kunden das Gewünschte, z.T. aus eigener Erzeugung, direkt an die Haustür oder ins Büro. Die Bestellung ist auf vielen Wegen möglich, besonders praktisch und schnell geht es online. Und wer die Lieferung nicht selbst annehmen kann, nutzt einfach die sogenannte Lockbox, eine nur vom Empfänger zu öffnende Kiste, die an der Tür verankert wird.

Die regionalen Marktführer bei den Lieferdiensten sind der Lindenhofer Landkorb (Rohrlack), der Brodowiner Ökokorb (Brodowin), die Märkische Kiste (Berlin) sowie die Abokiste Apfeltraum (Eggersdorf). Der Umsatz allein dieser vier Unternehmen lag 2016 bei 12 Millionen Euro.

Öffentliche Diskussion steigert Bio-Fleisch-Nachfrage
Die öffentliche Diskussion ums Tierwohl geht auch an der Bio-Branche nicht spurlos vorbei: Bei der Biomanufaktur Havelland, größter regionaler Erzeuger von Bio-Wurst- und Fleischwaren, erhöhte sich der Umsatz von 7,3 Millionen Euro auf 8,7 Millionen Euro. Was sich Havelländer Bio-Apfelschwein, Uckermärker Rind und Müritzlamm nennen darf, kommt von fünf Landwirtschaftsbetrieben aus dem Umland – das wissen die Kunden zu schätzen.

Mobile Bio-Hühnerhaltung
Immer beliebter und von den Kunden stark nachgefragt wird die mobile Bio-Hühnerhaltung. Diese tiergerechteste Form der Hühnerhaltung, die dem natürlichen Verhalten der Tiere maximal entgegen kommt, ist gerade bei bäuerlichen Betrieben, aber auch bei Existenzgründern, Neueinsteigern und Umstellern sehr beliebt. Der fahrbare Stall wird alle 1-3 Wochen umgesetzt, dadurch haben die Tiere stets frisches Grün, können nach Herzenslust picken, scharren und Staubbäder nehmen. Der regelmäßige Standortwechsel ist auch ökologisch und hygienisch vorteilhaft, weil eine Überdüngung im stallnahen Bereich vermieden sowie Keim- und Schädlingsdruck unterbunden werden. Abends geht es für die Tiere zum Schutz vor Fuchs und Marder in den Stall.

Brandenburgs Chancen für regionalen Wohlstand als Bio-Garten Berlins
Berlin gilt zu Recht als Europas größter Bio-Markt. Die große Nachfrage nach regionaler Ware in Bio-Qualität ist ungebrochen – beste Marktchancen also für Erzeuger- und Verarbeitungsbetriebe. Besonders gefragt sind auf dem regionalen wie bundesdeutschen Markt folgende Produkte:
- Geflügelfleisch (v.a. Hähnchen und Pute)
- Schweinefleisch
- Eier (v.a. aus mobilen Stallsystemen)
- Gemüse (derzeit entspricht die Fläche des Tempelhofes Feldes in Berlin der Anbaufläche des gesamten Brandenburger Bio-Gemüses (ohne Kartoffeln))
- Stein- und Beerenobst
 
Im Außer-Haus-Verzehr zeigt die Berliner Schulverpflegung den Weg: Seit 1.2.2014 werden die täglich 88.000 Grundschulessen mit einem wertmäßigen Bio-Anteil von durchschnittlich 40 % zubereitet. Leider wird dieser Wareneinsatz fast ausschließlich außerhalb der Region bezogen, weil es in Brandenburg praktisch keine Betriebe gibt, die sich auf die Belieferung dieses Segmentes spezialisiert haben.

Dazu passt die aktuelle Berliner Koalitionsvereinbarung zwischen SPD, Linke und Bündnis 90/Die Grünen für die Legislaturperiode 2016-2021:
„Die Koalition wird den Anteil an Bio-Essen in Kindertagesstätten, Schulen, Kantinen, Mensen und beim Catering in öffentlichen  Einrichtungen bis 2021 deutlich erhöhen. Nach dem Vorbild Kopenhagens wird in einem Modellprojekt mit Großküchen und Caterern gezeigt, wie der Anteil an Bio-Produkten, saisonalen und Frischzutaten durch Weiterbildung und Beratung weitgehend kostenneutral erhöht und wie Lebensmittelverschwendung und -verluste vermindert werden können. Um Wahlfreiheit zu gewährleisten sollen in Kantinen vegane, vegetarische und fleischhaltige Mahlzeiten angeboten werden.“

Flächenentwicklung: Brandenburg verschläft Trend und Markt
Im völligen Kontrast zur bundesweiten Dynamik und den nachhaltig wachsenden Absatzmöglichkeiten am regionalen Heimatmarkt (v.a. Einzelhandel und Außer-Haus-Verpflegung) steht die Entwicklung der Ökofläche in Brandenburg. Die bundesweit einmalige Netto-Stagnation über die letzten 10 Jahre ist umso bedeutender, als diese ausgerechnet in dem Moment einsetzte, als der Bio-Markt ansprang bzw. die vorherigen Vermarktungsreserven konventionell vermarkteter Bio-Ware aufgebraucht waren.

Eine der wichtigsten Ursachen hierfür dürfte zweifellos die bundesweit einsame Aussetzung der Umstellungsprämie in den Jahren 2012-2014 gewesen sein. Aber auch die seit 2015 wieder gewährte Prämie ist erneut die bundesweit niedrigste und stellt daher keinen wirklichen Anreiz zur Umstellung dar. Die regionale Bio-Branche fordert daher eine Erhöhung dieser Prämie, die den Betrieben in den ersten Jahren über die finanziell herausfordernde Umstellungszeit hilft. Sie ist in allen anderen Bundesländern höher veranschlagt als die Beibehaltungsförderung, da die bereits umgestellten Betriebe ihre Produkte zu den höheren Bio-Preisen vermarkten können.

Da Brandenburg diese höhere Förderung während der zweijährigen Umstellungszeit nicht gewährt, verwehrt man brandenburgischen konventionellen Betrieben den Einstieg in den langfristig attraktiven Bio-Markt. Im Ergebnis stellten zuletzt fast ausschließlich Betriebe mit Milchviehhaltung um. Der Ansturm während der Milchpreiskrise in 2015/16 war sogar so groß, dass regionale Molkereien zeitweise einen Aufnahmestopp für neue Lieferanten verhängen mussten.

Strukturell bedeutsam ist darüber hinaus, dass die Brandenburger Betriebe beim Thema Beratung allein gelassen werden. Aber gerade bei der Ausrichtung der bestehenden Betriebe auf den (Berliner) Markt, beim Aufbau komplett neuer Wertschöpfungsketten wie auch bei der betriebswirtschaftlichen und produktionstechnischen Optimierung sind Bio-Betriebe auf eine kompetente und in der Region verankerte Beratung in besonderer Weise angewiesen. Beratung ist im besten Sinne Hilfe zur Selbsthilfe. Sie kostet vergleichsweise wenig, bringt aber den größtmöglichen Nutzen für die Zukunftsfähigkeit der Betriebe und des gesamten Öko-Sektors.
 
Zwischenstand Volksbegehren Massentierhaltung
Nachdem das Aktionsbündnis Agrarwende Berlin-Brandenburg das bundesweit erste Volksbegehren zu einem Agrarthema mit 103.465 Unterschriften eindrucksvoll gewonnen hatte, verhandelte das Aktionsbündnis mit den Fraktionsvorsitzenden und agrarpolitischen Sprechern der Koalitionsfraktionen einen Kompromiss zum Volksbegehren. Zentrale Elemente: ein Paradigmenwechsel in der Stallbauförderung (Verzicht auf Mitnahmeeffekte, ausschließliche Förderung des Premiumstandards, die Koppelung der Förderung an die Fläche (2 GV/ha) und eine Reduzierung der AFP-Fördersumme bei Schwein und Geflügel um 25 %.), die Schaffung eines Tierschutzbeauftragten (mit definierten Kompetenzen und hauptamtlicher Ausstattung mit einer eigenen Geschäftsstelle) sowie ein Filtererlass für große Schweinemastställe.

Während obige Punkte zum 1.1.2017 bereits wirksam bzw. umgesetzt sind, soll die Ausarbeitung eines Landestierschutzplanes Brandenburg bis Ende 2017 abgeschlossen sein. Kernanliegen des Tierschutzplanes ist es, praxistaugliche Vereinbarungen und Strategien für eine baldmögliche Umsetzung des europaweit bereits seit 2008 gültigen Kupierverbotes zu erarbeiten. Im Mittelpunkt steht hierbei die Einbindung des Berufsstandes und somit die konstruktive Auseinandersetzung zwischen Vertretern des Aktionsbündnisses und dem Berufsstand bzw. den Landwirten.

Startsignal für Ausarbeitung Landestierschutzplan Brandenburg
Am 19. Dezember 2016 hatten sich in Groß Kreutz rund 200 Akteure zur Auftaktveranstaltung des Brandenburger Landestierschutzplanes getroffen. Wissenschaftlich begleitet vom Potsdamer Leibniz-Institut für Agrartechnik und Bioökonomie (ATB) und der Lehr- und Versuchsanstalt für Tierzucht und Tierhaltung e.V. (LVAT) Groß Kreutz/Ruhlsdorf diskutierten / stritten die Teilnehmer über Sinn, Chancen und Umsetzbarkeit des Brandenburger Tierschutzplanes.

Zwischenfazit: Der Berufsstand steht in Teilen noch vor der Herausforderung, die Chance zu erkennen, sich der Diskussion über Ziel, Strategie und Rahmenbedingungen einer zukunftsfähigen Tierhaltung zu stellen und sich konstruktiv einzubringen. Bis zur Mitte dieses Jahres soll ein erster Zwischenbericht vorliegen.
 
Regionales Bio auf der Grünen Woche
Vom 20. bis 29. Januar 2017 laden auf der Internationalen Grünen Woche die Aussteller des FÖL-Gemeinschaftsstandes, den der Verein mit Bioland, Biopark, Demeter, Naturland und Verbund Ökohöfe Nordost organisiert, in der Brandenburg-Halle 21 A die Besucher zum Kosten und Kaufen ein.

Eine Neuheit stammt vom BioBackHaus: Franzbrötchen mit Rotkohlfüllung. Alles aus regionaler Milch gibt es bei der Gläsernen Molkerei, z.B. Heumilch, Fassbutter und würzigen Käse. Die Lobetaler Bio-Molkerei erfreut Leckermäuler mit ihren Frozen Yogurt-Kreationen und stellt das neue praktische Milchspender-System vor. Besonders zur kalten Jahreszeit passt das Angebot von Havelwasser – die „Heiße Havel“, ein winterlich gewürztes Getränk aus Birnensaft und Wein. Den Gemeinschaftsstand vervollständigen der Obst- und Gemüsehof Teltower Rübchen mit traditioneller Rübchensuppe und die Rheinsberger Preussenquelle mit ihrem Wasserangebot.
 
pm/red
Foto: Rosel Eckstein; www.pixelio.de
 
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