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Brandenburg Montag, 24 Oktober 2016 09:21 |  von (Leserreporter)

Buch-Tipp: Was Google wirklich will

Buch-Tipp: Was Google wirklich will

Neben mir liegt ein Buch voller Eselsohren. Nein, das wurde nicht vom Verlag so geliefert, das war ich. Am Rand eingeknickt sind die Seiten, auf denen Passagen stehen, die ich im Rahmen dieser Rezension eigentlich zitieren wollte oder die geeignet sind, sie gegenüber Personen im meinem beruflichen Umfeld zu erwähnen, deren Aufgabenbereich die Förderung von Innovation und Strukturwandel konkret oder der Wirtschaft ganz allgemein ist.

Nicht wenige davon konstatieren seit langem, dass die Effekte ihrer Wirtschaftsförderung und Innovationsprogramme gegenüber den Erwartungen weit zurück liegen und dem doch erheblichen, eingesetzten Volumen der Unterstützung nicht gerecht werden.

Wer nun wissen will, warum, sollte dieses Buch lesen. Wer die Absicht hat, sich mit einer eigenen, neuen Idee selbstständig zu machen, sollte dieses Buch lesen. Wer glaubt, dass Google & Co. nach Weltherrschaft streben und dabei über alle Regeln und Gesetze hinweggehen, sollte dieses Buch lesen. Wer meint, deutsche (europäische) (Wirtschafts-/Gesellschafts-)Werte gegen Google & Co. durch Abschottung, Regulierung und Restriktionen „schützen“ zu müssen, sollte dieses Buch lesen.

Nach wenigen Seiten bereits stellt man dann fest, was Google und andere im Silicon Valley wirklich wollen und wie es tatsächlich möglich ist, zumindest einige dieser Absichten zu erreichen. Vorweggenommen sei: Thomas Schulz erklärt schlüssig und anhand umfangreicher, vielfältiger und gesicherter Erkenntnisse, dass böse Absichten nicht dabei sind. Im Gegenteil.

Und wie - ebenfalls im Gegenteil zu meist gut-gemeinten aber oft schlecht-gemachten Varianten der deutschen Innovations- und Wirtschaftsförderung (die häufig nicht innovativen Unternehmern zugute kommen, dafür aber geschickten und professionell organisierten Fördermittelabgreifern) - wie im Gegenteil hierzu Innovationen wirklich entstehen und sich entwickeln. Ganz ohne Geld der Steuerzahler übrigens, durch eine unternehmerische und gesellschaftliche Kultur, wie sie allerdings nicht durch Verordnungen entstehen kann - sondern gerade nur dort, wo sich die Politik entweder zurückhält oder Bedingungen für sogenannte „Enabler“ schafft, für Leute, die möglichmachen - und dabei Ethik und Moral durchaus genau im Blick haben.

Was im Falle der HighTech-Unternehmen gerade nicht zu entartetem Kapitalismus führt, sondern zu zugleich hochsozialen und ökonomisch guten Effekten mit dem Potenzial gesamtgesellschaftlicher Erneuerung.

Denn das ist, was Google wirklich will: Eine Gesellschaft die den Kapitalismus alter Art ablöst, die eine Welt nach dem abgebrochenen Versuch der Sozialen Marktwirtschaft schafft, besonders aber eine Zukunft ohne die Entgleisungen des entfesselten, wertefremden, puren Finanzkapitalismus.

Auf dem Weg dahin gibt es Versuche, die nicht weiterführen, gibt es Probleme, die nicht vorhersehbar sind, gibt es Abwägungen und Korrekturen - vor allem jedoch gibt es die Offenheit der Gedanken, sind Denkverbote verboten, besteht der Mut auszuprobieren und scheitern zu dürfen. Wird analysiert, was passiert, wird daraus gelernt und sich einem der vielen weiteren Ansätze zugewandt. Das Tempo, in dem das passiert ist atemberaubend. Einer der wichtigsten Gründe für diese Geschwindigkeit liegt in der stattfindenden, neuen industriellen Revolution, liegt in noch vor zehn Jahren undenkbaren Kapazitäten und Möglichkeiten der IT, von KI im Entstehen bis zum nächsten dramatischen Sprung, dem Quantencomputer in Entwicklung.

All das erklärt und begründet Thomas Schulz indem er uns die handelnden Personen sehr nah bringt, denen er selbst so nah kommen konnte, wie kaum ein anderer Autor zuvor. Über mehrere Jahre recherchierte er bei Google und im Umfeld, sprach wieder und wieder mit Machern, Entwicklern, Ingenieuren und mit vielen Kritikern; war live dabei, wie Ideen geboren wurden, sich entfalteten oder auch aufgegeben wurden. Schulz blickt in die Vergangenheit, die diese Gegenwart erst entstehen ließ und lässt die zu Wort kommen, die sich über die Zukunft Gedanken machen. Die einen besorgt aus verschiedenen Gründen, die anderen optimistisch aus teils denselben. Es liegt so beim Leser, seine eigene Wertung zu treffen. In jedem Falle aber ist es kaum möglich, nach der Lektüre noch einseitigen oder schwarz-weißen Betrachtungen anzuhängen. Thomas Schulz fordert Mitdenken ein und macht klar, dass ein Weiter-So nach alten Mustern nicht funktionieren wird.

Kein noch so rückwärtsgewandter Wirtschaftsminister wird diese Entwicklung durch lobbygesteuerte Bremsversuche aufhalten. Dann geht sie (was in vollem Gange ist) eben an Europa und Deutschland vorbei und über uns hinweg. Dann entsteht hier ein Museumskontinent für Pensionäre, deren Wohlstand allerdings auch nur noch für die aktuelle Generation gesichert ist.

Thomas Schulz legt hier eine Pflichtlektüre für jedermann vor. Besonders für die Generation, deren Zukunft Zukunftsbremser versauen - und für die, die noch den Mut haben, gegen Verhinderer und Verharrer, gegen Besitzstandswahrer und Veränderungsscheue aufzustehen.

Wo die Zitate der Eselsohrenseiten sind? Dafür ist kein Platz: Selber lesen! Jetzt!

Buch:

Thomas Schulz

Was Google wirklich will

Wie der einflussreichste Konzern der Welt unsere Zukunft verändert

Ein SPIEGEL-Buch

ISBN: 978-3-421-04710-6

Erschienen: 12.10.2015

€ 19,99 [D] inkl. MwSt.

 

Dieser Artikel erscheint auch in der Blicklicht - 11 / 2016.

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